Veröffentlicht in Allgemein, Gewinnspiel

Auslosung – Welttag des Buches 2017

Dieses Jahr wurde es mir besonders einfach gemacht mit dem auslosen 😛

Es haben genau 2 Personen mitgemacht, was ich schade finde, wenn man es mit den voran gegangenen Gewinnspielen vergleicht.

Buchpaket 1 + 3 hat Jenny Siebentaler und

Buchpaket 2 hat Soulofdragon gewonnen.

Herzlichen Glückwunsch ❤ Eine Email an euch geht gleich raus 🙂

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Adventsgewinnspiel 2013 – Tür 35

 
Heute könnt ihr das Buch „Elysion“ von Thomas Elbel gewinnen!
 
 
Kurzbeschreibung:
Das Jahr 2135. Um ihr Überleben in einer verwaisten Metropole zu sichern, dealt die siebzehnjährige Cooper Kleinschmidt mit der Droge Teer. Eine Droge, die ihren Usern außergewöhnliche Kräfte verleiht und nur durch die Tötung eines Malach gewonnen werden kann, jener gottgleichen Wesen, die über außergewöhnliche Macht verfügen und im »Elysion« außerhalb der alten Städte leben. Als Cooper auf ihrer Jagd nach Teer auf einen Malach trifft, der ihr eine geheimnisvolle Botschaft übermittelt, beginnt für sie eine Reise durch eine zerstörte, gefährliche Welt, in der eine falsche Entscheidung das Ende bedeuten kann.
Thomas Elbel
 
Leseprobe aus „Elysion“
Genre: Romantasy / Fantasy Das Buch ist erhältlich bei Amazon.de als Taschenbuch & kindle edtion
 
Leseprobe
Prolog
Für Svantovit 2098 war es ein Tag wie jeder andere. Von seinem Arbeitsplatz und dem Beginn der Frühschicht im Industriegürtel der Polis trennte ihn höchstens noch eine Viertelstunde. Wohl zum dritten Mal an diesem Morgen schaute er auf den Beifahrersitz. Auf dessen grünem Velours befand sich in einer schmucklosen Schatulle ein kleiner Datenkristall, Ergebnis von ungezählten Nächten freiwilliger Arbeit. Heute würde er seinen Chef mit diesem unschlagbaren Beweis seiner Eigeninitiative überraschen. Nicht weniger als die Lösung des Wasserversorgungsproblems im Madrider Viertel war ihm in endlosen Stunden mühevoller Ingenieursarbeit an seinem virtuellen Reißbrett gelungen. Dieses Meisterstück, so dachte sich Svantovit, müsste die Beförderung wert sein, die ihm eigentlich schon seit Jahren zustand.
Hätte er gewusst, dass an diesem Morgen auf seinem Weg zur Arbeit der Tod auf ihn lauerte, so hätte er seine letzten Gedanken möglicherweise auf bedeutendere Angelegenheiten verwandt. So aber kreisten seine Gedanken um nichts als den Karrieresprung, den ihm seine Erfindung bescheren sollte, während sein Schicksal bereits auf einen Kollisionskurs mit ihm eingeschwenkt war.
***
Drei Jahre nach seiner Abfahrt stand das kleine Gefährt kurz vorm Ziel. Aus der Ferne mochte es mit seinen sechs Rädern und dem flachen Aufbau wie ein übergroßer Käfer wirken. Und tatsächlich hätte seine Unverwüstlichkeit und Zähigkeit auch einem Insekt alle Ehre gemacht. Stunde um Stunde hatte es sich den Weg durch zerklüftete Kraterlandschaften und schier endlose Geröllflächen erkämpft. An manchen Tagen betrug der Geländegewinn kaum eine Handvoll Meter. Einmal, beim Umrunden der chaotischen Schluchtenlandschaft des Noctis Labyrinthus, fuhr sich das Gefährt im Sand einer Düne fest. Eine Woche lang bewegte die kybernetische Intelligenz seiner Bordelektronik die Räder in wechselnde Positionen, bis es schließlich freikam. Nachts oder wenn Staubstürme die Sonne verdunkelten, lieferten die Solarzellen nicht genug
Energie und das Gefährt verfiel in digitalen Schlummer. Doch sobald das Licht des Tages seine Batterien wieder auffüllte, setzte es sich erneut in Bewegung.
Der Anstieg über die Ausläufer des gewaltigen Kraters des Arsia Mons war der schwierigste Teil, der allein schon an die vier Monate verschlang. Am Kraterrand angekommen hatte es einige Minuten pausiert, fast als wolle es den Ausblick genießen. Die riesige Caldera des Vulkans barg eine Stadt, die sich von hier oben aus bis zu den Horizonten zu erstrecken schien. Aus dieser Entfernung waren keine Bewohner zu sehen, nur endlose Schluchten aus Stein und Asphalt.
Einige Wochen lang bewegte sich das Gefährt am Kraterrand entlang, bis es eine Stelle fand, die sich zur Stadt flach genug hinabneigte. Der letzte Akt seiner Reise begann. Schon ein paar Tage später fuhr es durch die breiten Alleen der äußeren Bezirke, deren Bebauung noch niedrig und schmucklos war. Auf dem Asphalt konnte es endlich seine Höchstgeschwindigkeit erreichen.
***
In Gedanken rechnete Svantovit 2098 bereits aus, wie viel das Erreichen der nächsthöheren Vergütungsstufe ihm als Verheiratetem und Patron dreier Neuerweckter einbringen würde. Sicher sollte ihn das Gehalt in die Lage versetzen, das schrottreife Earthbound, mit dem er sich jeden Tag in die Vorstadt bewegte, durch ein Hover zu ersetzen. Gutgelaunt blickte er nach oben, wo die anderen Mitglieder des Clubs, dem er eines Tages angehören würde, majestätisch ihre Bahnen zogen.
Wie ein einsames Phantom glitt das halbtransparente Band eines Newsflydes im Schattenreich der Morgendämmerung jenseits seines Fensters vorbei. Zunächst war eine Werbung für eine jener beliebten historischen Nachstellungen der Gladiatorenkämpfe im römischen Kolosseum zu sehen, bei denen man menschliche Gefangene in die Rolle der Opfer zwang. Svantovit hatte so etwas schon immer einmal besuchen wollen, aber es war einfach zu teuer für sein schmales Beamtengehalt.
Eine neue Nachrichtenschlagzeile flackerte über das Newsflyde. ‚Anschlag im Vatikan – mehr als 40 Tote‘. Svantovit schüttelte unwillig den Kopf. Würde die Menschheit ihre Niederlage denn nie akzeptieren? Offensichtlich konnte man sich nirgendwo, nicht einmal in den Palästen des obersten Heilands, vor ihnen sicher fühlen. Svantovit hatte sich daher längst angewöhnt, neue Kollegen in seinem Büro während der ersten Wochen ihres Dienstes besonders kritisch zu beäugen. Woher sollte man schließlich wissen, ob es sich nicht um einen dieser schmutzigen Infiltranten handelte? Die
Informationen, die das Amt über die Versorgung der Polis mit Wasser verarbeitete, waren für die Terroristen bestimmt hochinteressant. Wenn es bis jetzt noch keinen Giftanschlag auf städtische Zisternen gegeben hatte, dann, so fand Svantovit, hatte man das auch seiner Aufmerksamkeit zu verdanken.
Er hatte sich mit einem Kollegen, dessen Schöpfung bereits vor der Rebellion stattfand, über die Herrschaft der Menschen unterhalten. Svantovit war nicht überrascht, dass dessen Geschichten die offiziellen Historien an Grausamkeit sogar übertrafen. Nach alledem war kaum zu verstehen, dass der Hohe Rat gegenüber den verbliebenen Menschen immer noch seine Politik der ausgestreckten Hand verfolgte. Hätte man ihn, Svantovit, nach seiner Meinung gefragt, er hätte jedem sagen können, dass dem Menschenproblem nur durch unerbittliche Verfolgung begegnet werden konnte.
Nicht, dass es ihm anstand, die Entscheidungen des Ratsvorsitzenden Starbuck zu kritisieren. Im Gegenteil. Er hatte das unter den Novaten durchaus umstrittene Gesetz des Hohen Rates zum präventiven Gedanken¬scan¬ning vor seiner Frau und seinen Freunden verteidigt. Zweifellos erforderte die seit der Rebellion ständig angespannte Sicherheitslage auch derart drastische Maßnahmen. Er hatte es sich sogar gestattet, dem Büro des Rates eine persönliche Ermutigungsmail zukommen zu lassen, um der Regierung zu zeigen, dass es unter den Novaten genug Bürger gab, die uneingeschränkt zum »harten« Kurs standen.
Ob seine Mail angekommen war? Hatte vielleicht ein Ratsmitglied selbst sie gelesen? Svantovit ließ es sich, auf diese Möglichkeit hin, nicht nehmen, seiner Botschaft ein kleines Postskriptum hinzuzufügen, in der er die Eckdaten seiner Lösung für die Wasserversorgung des Madrider Viertels beschrieb. Sicher hatte der Rat Wichtigeres zu tun, aber andererseits war Wasser, jedenfalls nach dem Terrorismusproblem, das vorherrschende Thema. Wer weiß, vielleicht würde ihn eines Tages ein Anruf aus dem Hradschin erreichen. Vielleicht würden sie entdecken, welch ein verstecktes Talent da auf einem einfachen Sachbearbeiterposten schlummerte.
Seinen Chef, diesen kleinmütigen Gimpel, hatte man sogar für die neugeschaffene Direktoratsstelle in Betracht gezogen und das, obwohl der kaum eine Gelegenheit ausließ, die Diktatur als schlechte Regierungsform zu schmähen. In seinen Träumen sah sich Svantovit bereits im ledernen Sessel des Abteilungsleiters hoch oben im neunten Stock des Wasseramts sitzen.
Ein kleines Gefährt, das plötzlich mitten auf der ansonsten noch recht leeren Straße auftauchte, riss ihn aus seinen Gedanken und zwang ihn zu einer Vollbremsung.
Nur mit Mühe verhinderte er eine Kollision. Nachdem sein Earthbound endlich auf dem Randstreifen zu stehen kam, dauerte es einige Minuten, bis er den Schock der unerwarteten Begegnung überwand. Schließlich wischte er sich mit seinem Einstecktuch den Schweißfilm ab, der sich auf seiner Stirn gebildet hatte. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihm, dass das seltsame Gerät immer noch mitten auf der Straße stand. Svantovit verließ seinen Wagen, um das Ding aus der Nähe zu betrachten. Kalt schnitt ihm der Winterwind in die wässrigen Augen.
Mit seinen sechs Rädern und den altertümlichen Sonnenkollektoren sah das Gefährt ziemlich archaisch aus. Wie ein Relikt aus einer langvergangenen Ära der Technik. Wo mochte es hergekommen sein? Handelte es sich überhaupt um novatische Technologie? Misstrauisch blickte sich Svantovit um. Zu dieser Tageszeit war die Gegend recht einsam. Flache Lagerhäuser mit ausgedehnten Parkplätzen säumten die Straße. Einige Kilometer entfernt erhob sich, gewaltig und drohend, der Kraterrand. Weiter in der Innenstadt konnte man ihn kaum noch erkennen.
Ein Surren lenkte seinen Blick zurück auf das Gefährt. Am oberen Ende eines antennenartigen Gebildes befand sich eine zigarettenschachtelgroße Box mit etwas wie einem Objektiv, offensichtlich eine Art Visor- oder Kamerasystem, das ihm mit quirliger Geschäftigkeit zu folgen begann. Svantovit machte ein paar Schritte zur Seite. Artig folgte ihm das gläserne Auge. Fast wirkte das Gefährt wie ein kleines Haustier auf der Suche nach einem unbekannten Herrchen. Er hob die Hand und winkte, als wolle er einen Bekannten grüßen und kam sich gleich darauf unsäglich albern vor.
Auf einmal setzte sich eine winzige Lade an der Flanke des Gefährts unter den Sonnenkollektoren in Bewegung. Svantovit hatte sie bis hierhin noch gar nicht nicht bemerkt. Arglos näherte er sich der Lade, während sie gemächlich aus dem Hauptkörper des Aufbaus heraussurrte. Zuerst konnte er ihren Inhalt nicht erkennen, bis sie sich so weit öffnete, dass das Licht einer Straßenlaterne senkrecht hineinfiel. Es war etwas Gläsernes, Rundes, ein kleines Fläschchen, in welchem eine dunkle Flüssigkeit zu schwappen schien.
Mit einem mechanischen Ruck kam die Lade zum Halten. Svantovits Instinkt ließ eine Sekunde zögern. Doch dann überwog seine Neugier. Vorsichtig beugte er sich über das kleine Fläschchen, um das geheimnisvolle Fluidum in Augenschein zu nehmen. Genau in diesem Moment entschied die Bordelektronik, dass jenes bewegliche Objekt in ihrem Fokus, das alle Kriterien ihres Zielrasters zu erfüllen schien, nah genug war. Ein winziger Dorn schoss von einer ebenso winzigen Sprengladung getrieben hervor und zerbrach den dünnen Hals des Fläschchens mit einem leisen, trockenen Knacken. Der Druck
entwich und augenblicklich ging die Flüssigkeit eine Verbindung mit der Luft ein. Noch bevor Svantovit begriff, trieb ein robuster kleiner Ventilator das Gemisch in sein Gesicht. Er prallte ein paar Schritte zurück.
Kopfschüttelnd und prustend bemühte er sich, die unerwartete Wendung der Ereignisse zu verstehen. Eine empörte Stimme in seinem Inneren wollte das Verhalten des kleinen Gefährts als Attacke werten. Ein Verbrechen schien in der Luft zu liegen. Er erwog kurz, dem Gerät einen Fußtritt zu versetzen, doch die Furcht vor weiteren unerwarteten Wendungen hielt ihn davon ab. Schließlich entschied er, dass die Angelegenheit jedenfalls außerhalb seiner Kompetenzen lag. Hier waren Experten der Ordnungsbehörden gefragt. Missmutig schlurfte er zurück in sein Auto, nicht ohne dem Gefährt einen letzten ärgerlichen Blick zuzuwerfen. Mit seinem Einstecktuch wischte er sich die Reste des Gemischs vom Gesicht. Mit einem Fingerstrich weckte er das Tectoo auf seinem Unterarm aus dem digitalen Schlummer und wählte die Nummer der Polizei.
»Sicherheitszentrale. Was wünschen Sie?«, krächzte es nach einer Weile.
»Äh, hier Hydrotechniker zweiter Klasse Svantovit 2098. Ich, äh, muss einen, äh, seltsamen Vorfall melden, bei dem …«
»Wo befinden sie sich, Sir?«
»Äh, an der Ausfallstraße B 12, ungefähr zehn Minuten vor dem Wasseramt.«
»Schön, und was möchten sie melden?«
»Ja, hier ist so ein seltsames Ding. So eine Art kleiner Wagen. Ich hab so was noch nie gesehen. Sechs Räder und ein bisschen Technik. Uralte Sonnenkollektoren. Es sieht irgendwie fast antik aus. Und es hat mich besprüht. Ich glaube, sie sollten herkommen und sich das ansehen. Vielleicht ist …«
»Sir!«
»Ja?«
»Ich habe den Vorfall notiert. Wir werden uns umgehend damit auseinandersetzen. Die ID-Daten ihrer Tectowierung wurden gespeichert. Sie sollten sich nun zu ihrem Arbeitsplatz begeben.«
»Ins Büro? Aber ich dachte, dass ich vielleicht …«
»Sir!«
»Ja?«
»Ich wäre ihnen sehr verbunden, wenn sie meine polizeiliche Anweisung befolgen würden.«
Svantovit würgte einen Kloß Verblüffung und Aufbegehren herunter.
»Ja, äh, selbstverständlich. Ich werde, … also ich fahre dann.«
»Einen guten Tag noch, Sir.«
»Wie? Ja, äh, ach so. Ebenfalls.«
Das Tectoo auf seinem Arm knackte kurz. Die Verbindung brach ab und die Linien in seiner Haut, die bis eben noch sanft geleuchtet hatten, erloschen. Svantovit konnte seiner Überraschung kaum Herr werden. Würde er denn nicht gebraucht, wenn die Polizei eintraf? Wer würde das Gefährt so lang bewachen, bis die Einheit vor Ort war? Musste man nicht seine Aussage aufnehmen? Andererseits: der Beamte hatte seine ID-Daten aufgenommen. Sicher würde man später auf ihn zurückkommen. Wahrscheinlich würde die Polizei jeden Moment eintreffen. Immerhin standen ihnen Hovers der neuesten Generation und Tachycopter zur Verfügung. Die Vorgehensweise des Beamten mochte ihm etwas ungewöhnlich, aber wer war er, die Entscheidungen der Sicherheitskräfte zu hinterfragen. Svantovit setzte seinen Wagen in Gang.
***
Als Svantovit am Abend unter den prächtigen Leuchtern der Komsomolskaja-Station durch das Gewirr der heimkehrenden Berufspendler strich, hatte er den Vorfall fast vergessen. Ein Streit mit seinem Chef, der den Madrid-Vorschlag für schlicht und einfach undurchführbar hielt, verhagelte ihm den Tag mehr, als ein seltsames Treffen mit einem Stück Technoschrott es je gekonnt hätte. In seiner Wohnung am Sacharova Prospekt angekommen, küsste er müde seine Frau und rief ihrer Konkubine ein schwaches Hallo zu, bevor er sich deprimiert in sein Arbeitszimmer zurückzog. Erst hier bemerkte er erstmals das eigenartige Kitzeln in seiner Nase, als ob ihn winzige Flöhe in die
Schleimhaut zwickten. Er beschloss, das Gefühl zu ignorieren und setzte mit einem knappen Befehl den Neuroclient in Gang, um sein Wasserversorgungsmodell noch einmal zu durchzukalkulieren. Vielleicht würde ja der Rat …
Erst als das Jucken sich so verstärkte, dass es sich nicht mehr in die Tiefen seines Unterbewusstseins verbannen ließ, ging er herüber ins Badezimmer, um seine Nase zu inspizieren. Durch den Spalt der Wohnzimmertür konnte er sehen, wie seine Ehefrau sich bereits mit der Konkubine vergnügte, ein großbusiges Modell, das man ihr erst vor zwei Wochen zur Verfügung gestellt hatte. Eigentlich entsprach sie auch ganz seinem Geschmack, aber ihm war heute kaum danach, sich zu ihnen zu gesellen. Im Badezimmer angekommen befahl er Licht. Mit einem Fingerstrich verwandelte sich die Wand über dem Waschbecken in einen Spiegel und da sah er das Malheur. Das Blut tropfte bereits von seinem Kinn auf sein Hemd, wo es sich zu großen dunklen Flecken ausbreitete.
Svantovit aktivierte hektisch sein Tectoo und rief den Gesundheitsdienst an. Nur eine Viertelstunde später fand er sich auf einem Tragestuhl wieder, den man in ein Kranken-Hover auf dem Weg zum Universitätskrankenhaus an der Krasnoselskiy geschnallt hatte. Tief unter ihm bewegten sich die Earthbounds wie kleine Ameisen über die A 104. Svantovit genoss den Anblick und teilte dem Pfleger, der neben ihm gelangweilt seine eigenen Fingernägel studierte, mit, dass er sich selbst einmal ein Hover zulegen würde. Der Mann setzte die Inspektion seiner Extremität ungerührt fort. Seine Beförderung sei nur eine Frage der Zeit, ergänzte Svantovit daraufhin. Die Reaktion blieb dieselbe. Keine achtundvierzig Stunden danach kam für ihn jede Beförderung zu spät. Schon bald spürten auch seine Frau und ihre Konkubine das Jucken in der Nase. Ebenso die beiden Polizisten, die das seltsame Gefährt in der Vorstadt doch noch eingesammelt hatten. Ein vor drei Jahren viele Kilometer weit entfernt ausgesprochener Gruß war am Ziel angekommen.
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1. Kapitel
Seth zerrte das dünne Sylonlaken von seiner Haut. Es war schweißnass. Zum gefühlt hundertsten Mal, seit er vor einer kleinen Ewigkeit nach Hause gekommen war, wälzte er sich auf die andere Seite. Die Klimaanlage atmete kalte Wehen auf seinen feuchten Rücken. Draußen kroch langsam und beharrlich das erste Licht des Tages über den Kraterrand in die Endlosigkeit der Straßenschluchten. Seine Hand betastete die Sensoren auf der Oberfläche seines Nachttisches. Ein künstlicher Schatten verdunkelte
die Glashaut, die sein Apartment gegen die Außenwelt abgrenzte. Nach wenigen Augenblicken war Phobos leuchtende Sichel das Einzige, das noch durch den Filter drang. Er drehte sich um und starrte aus schweren Lidern in die weite Dunkelheit seines Zimmers. Eine unsichtbare Uhr zählte Sekunden, die sich zu Minuten dehnten und diese wiederum zu Stunden. Gesichter der vergangenen Nacht flackerten vor seinem inneren Auge auf und verschwanden wieder.
Im namenlosen Niemandsland zwischen Wachen und Schlafen wollte Seth zuerst auch den blauen Schemen, der plötzlich neben seinem Bett aus dem Boden wuchs, für ein weiteres Traumgebilde halten. Doch sein Realitätssinn hatte ihn noch nicht vollständig verlassen. Der Schemen war nun zum Modell eines gesichtslosen, männlichen Körpers emporgewachsen. Ein Holotar, den das Kommunikationssystem seines Apartments hierher projizierte. Irgendwer versuchte, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Regungslos drehte sich der Holotar vor Seths Augen in einem langsamen Zirkel, während seine Helligkeit in regelmäßigen Intervallen ab- und zunahm.
Seths Finger glitten unbeholfen über das Sensorfeld und stießen dort auf unerwarteten Widerstand. Mit dumpfem Klirren fiel ein Glas auf den Teppich. Süßlicher Whiskeygeruch dampfte empor. Er fluchte und setzte sich halb auf. Diesmal fand seine Hand den richtigen Punkt. Unvermittelt nahm das Gesicht des Holotars ihm nur allzu gut bekannte Züge an und begann zu sprechen.
»Wach auf, du elende Eule. Es ist schon fünf.«
Kharons Stimme triefte vor Spott. Offensichtlich bereitete es seinem Partner großes Vergnügen, den Wecker zu spielen.
»Fünf? Bist du völlig irre? Ist doch mitten in der Nacht.«
Auf Seths Befehl zog sich die Pigmentierung wieder aus dem Glas zurück. Das morgendliche Sonnenlicht schmerzte in seinen Augen und strafte ihn Lügen. Sofort passte der Holotar seines Partners seine Helligkeit den Verhältnissen an.
»Oh, Eure Majestät sind wohl etwas zerknittert. Ich bitte untertänigst um Verzeihung.«
Das Hologramm verfiel in einen Ausdruck gespielten Mitleids.
»Was ist das da auf dem Teppich? Hast du etwa gekotzt?«
Seth wurde bewusst, dass der visuelle Kanal offen war. Hastig zog er sich ein Laken über seine nackte Mitte. Dann drehte er der Kamera den Saft ab.
»Oh, bitte schalt die Bildübertragung wieder ein. Orion hat behauptet, du hättest den größten Schwanz der gesamten Abteilung. Ich habe dagegen gehalten. Lächerlich. Jeder weiß, dass du gegen mich keine Chance hast.«
»Was willst du eigentlich von mir?«
Seth rieb sich die pochenden Schläfen. Das Gesicht des Holotars formte eine Grimasse gekünstelter Ernsthaftigkeit.
»Schön zu sehen, dass du bei deinen nächtlichen Ausschweifungen deinen Job noch nicht ganz vergessen hast.«
»Komm zum verdammten Punkt!«
»Starbuck beruft die Jäger ein.«
Seth schoss jähe Wärme ins Gesicht. Er war mit einem Schlag hellwach.
»Starbuck?«
»Du hörst richtig, mein Freund. Der Herrscher aller Reusen, der Meister der Meister, der große Ratsvorsitzende höchstpersönlich.«
Seth versuchte, seine Überraschung herunterzuschlucken.
»Jäger? Welche?«
Der Holotar schwieg vielsagend, während er fortwährend um die eigene Achse kreiste.
»Doch nicht etwa alle?«, fragte Seth atemlos.
Das Grinsen, zu dem sich der Mund des Holotars verzog, war Antwort genug. Seth überlegte angestrengt. In seiner ganzen Dienstzeit konnte er sich an keine Gelegenheit erinnern, bei der man die gesamte Gilde auf einmal einberufen hatte. Die meisten seiner Kollegen kannte er überhaupt nicht, und das aus guten Gründen.
»Was will Starbuck von uns?«
»Ich dachte schon, du fragst mich gar nicht mehr.«
Kharon oder vielmehr das Gesicht seines Holotars grinste noch breiter.
»Und?«
»Ich – habe – keine – Ahnung.« Genüsslich betonte Kharon jedes Wort. Seth starrte ärgerlich auf den Schemen, auf dessen Lippen das Grinsen jetzt zu pixeligem Eis gefror. Diese Art von seltsamem Humorverständnis war typisch für seinen Partner.
»Du weißt nichts? Ich meine, wirklich überhaupt nichts?«
»Man sagte, es sei bis auf weiteres geheim.«
»Ach komm! Ich glaub dir kein Wort.«
Kharon war für seine guten Kontakte bekannt, die angeblich bis in den Rat selbst reichten.
»Na ja, es gibt Gerüchte. Irgendein Informant soll die Schuldigen des Anschlags in den vatikanischen Museen aufgescheucht haben.«
»Jetzt schon? Der Anschlag war erst vorgestern. Warum hat mich die Abteilung nicht direkt benachrichtigt?«
»Sie haben‘s versucht. Aber du warst nicht greifbar. Dein Tectoo muss inaktiv gewesen sein.«
»Mist.«
Seth erinnerte sich. Auf der Party gestern hatte er mit der Gastgeberin geflirtet. Die besoffene Kuh hatte einen Ecstasita flambiert und dann beim Digisex über seinem Ärmel ausgekippt. Zwar konnte er sich nicht daran erinnern, dass er sich dabei verbrannt hatte, aber vermutlich hatte sein Tectoo eben doch etwas abbekommen.
»Wann ist das Treffen?«
»In einer halben Stunde.«
»Was?«
Seth sprang auf. Das Laken glitt über seine Schenkel nach unten.
»Das schaffe ich nie. Kannst du mich abholen?«
»Oh nein, Partner. Bin fast am Hradschin. Sorry, aber das ist dein Problem.«
»Aber …«
Seth machte einen Schritt auf den Holotar zu, als etwas unter seinem Fuß zerbrach.
»Au, verdammt.«
»Was ist los? Alles in Ordnung bei dir?«
»Ja, ja«, knirschte Seth.
»Okay, Partner! Ich sehe dich im Hauptquartier.«
»Fahr zur Hölle.«
Das Hologramm schrumpfte und verschwand schließlich. Seth ließ sich zurück auf die Matratze fallen und hob seinen linken Fuß nach oben, aus dessen Sohle eine Scherbe von veritabler Größe ragte. Vorsichtig zog er sie unter einigem Zähneknirschen heraus. Auf einem Bein hüpfte er zum Fenster hinüber. Es war gleißend hell. Die Sonne stand bereits einen Fingerbreit über dem Horizont.
Er lehnte sich mit einer Hand an die Scheibe und schaute unwillkürlich nach unten. Obwohl das Gewirr der Leipziger Straße nur zwanzig Stockwerke tiefer war, schien die Glashaut des Gebäudes unmittelbar vor seinen Zehen in einen bodenlosen Abgrund zu fallen. Kleine Hovers zogen an seinem Fenster vorbei. Das monströse Newsboard auf dem Dach gegenüber blendete eine Zeitungsschlagzeile ein:
»Zahl der Toten erhöht sich auf 44 – Rat ruft Bevölkerung zur Einigkeit im Kampf gegen die menschlichen Terroristen auf«
Das war der Anschlag im Vatikan, von dem Kharon gesprochen hatte. Der Schwerste in zwei Jahren. Seth ergriff seinen Fuß und betrachtete ihn im Licht der Sonne. Ein tiefer Schnitt. Unablässig rann das Blut seine Sohle herunter und tropfte auf den weißen Teppich. Fluchend hüpfte er zu den Marmorfliesen herüber und von dort aus die Stufen zum Flur hinauf, von dem das kleine Badezimmer abging. Auf dem Badewannenrand sitzend ergriff er den Mediscanner und zog ihn über den Fuß. Einige Momente später ertönte eine sanfte Stimme.
»Schnittwunde. Sechs Zentimeter Länge. Durchschnittliche Tiefe fünf Millimeter. Glatte Ränder. Keine Fremdkörper. Therapievorschlag: Desinfektion. Wundnaht mit acht bis zehn Stichen durch medizinisches Personal. Bandage. Ruhigstellung für mindestens eine Woche.«
»Na klar. Danke fürs Gespräch«, grunzte Seth. Er öffnete den kleinen Schrank über dem Waschbecken und angelte einen Wundverband aus dem untersten Fach. Die Windungen zog er so stramm um seinen Fuß, wie es ging. Sofort breitete sich ein roter Fleck auf dem weißen Gewebe aus.
»Was mich nicht umbringt«, murmelte Seth.
***
Einige Minuten später stand er im Lift nach unten. Sanft kam die Kabine zum Stehen. Die Türen öffneten sich in die weite Lobby. Er schob das Drehkreuz der Sicherheitsschleuse mit seinem Oberschenkel zur Seite und ging an der Theke der Concierges vorbei.
»Wieder auf den Beinen, Sir«, erklang es hinter ihm mit nasal gefärbter Häme.
Seth brummte unwillig. Die Flügel der Glastür glitten zur Seite. Der Lärm des Verkehrs auf der Leipziger Straße, der bis eben nur ein schwaches Hintergrundgeräusch war, brauste nun mit nervtötender Geschäftigkeit in seinen Ohren. Weit oben schwirrten die Hovers über den Dächern umher, wie übergroße Insekten. Sein Fuß pochte. Vor ihm blinkten die Symbole einer Rufsäule.
Er beschloss, dass ein Hover-Taxi die einzige Möglichkeit war, noch halbwegs pünktlich im Hradschin anzukommen, auch wenn es ihn ein kleines Vermögen kostete.
Er berührte die Schaltfläche mit dem geflügelten ‚T‘ und starrte ungeduldig in den Himmel während vor und hinter ihm unzählige Passanten ihrem Tagwerk entgegenstrebten. Kurze Zeit später senkte sich der dunkle Umriss eines Hovers über ihm herab. Er schaute auf seine Uhr. Noch fünfzehn Minuten. Die Fußgänger drückten sich an die Wand, als das Taxi langsam und mit lautem Sirren auf den breiten Bürgersteig direkt vor ihm landete. Eine Tür klappte nach oben und Seth glitt auf die Rückbank.
Der Fahrer ließ sein feistes Gesicht neben der Kopfstütze erscheinen.
»Wo soll‘s hingehen, Boss?«, tönte er mit gutturaler Behäbigkeit.
»Hradschin.«
»Oh.«
Zwei buschige Augenbrauen, die eine haarige Brücke zu einem zyklopischen Gesamtorgan vereinigte, formten einen anerkennenden Bogen. »Sie sind Regierungsbeamter. Hab ich gleich erkannt. Gleich, wie sie eingestiegen sind, hab ich mir gedacht, Fafnir, hab ich mir gedacht, das ist ein Mann mit Klasse. Unsereiner hat ein Auge für so was.«
»Ja, ja, könnten sie bitte starten, ich muss in zehn Minuten da sein.«
»Zehn Minuten? Das ist knapp, Sir. Aber keine Angst, der alte Fafnir kennt ein paar Schleichkorridore.«
Er wälzte sich näher an seine Instrumente heran. Das Hover heulte auf und begann zu zittern, bevor es erst langsam und dann immer schneller an den tristen Fassaden vorbei in die dünne Luft über den Dächern entschwebte. Seth sah die Leute auf der Leipziger Straße unter sich kleiner werden. Nachdem das Hover die ihm zugewiesene Ebene erreicht hatte, drehte es sich in den Einstiegsvektor und setzte die Bewegung in der Waagerechten fort.
Die Stadt erstreckte sich in jeder Richtung bis zum Horizont. Nur dort wo die Sonne stand, konnte man den Kraterrand ausmachen, der die Polis rundherum begrenzte. Neben, über und unter ihnen zogen andere Hovers ihre mal mehr, mal weniger gemächlichen Bahnen auf unsichtbaren Korridoren. Die Leipziger war jetzt nur noch eine
von vielen kleinen Nebenstraßen in der gigantischen Stadt. Ein monströser Ameisenhaufen. Hier oben konnte man sich kaum vorstellen, dass irgendeiner dieser winzigen, beweglichen Punkte auf dem Boden seine Existenz für maßgeblich hielt.
Im Norden weit hinter dem Kraterrand erahnte Seth jetzt die majestätische Silhouette des Olympus Mons. Selbst aus dieser Distanz war der Berg, dessen Grundfläche ein Hundertfaches des Stadtgebietes betrug, gewaltig. Noch immer stand Phobos blasse Sichel am Himmel, während das volle Rund seines Zwillingsmondes Deimos einige Grade links davon langsam am Horizont auftauchte.
Auf allen Flugebenen war zu dieser Zeit starker Verkehr. Hovers der verschiedensten Typen zogen, einem unsichtbaren System folgend, ihre streng waagerechten Bahnen. Zuweilen erschien es ihm unvorstellbar, dass man diese Myriaden von Fluggeräten im Luftraum über der Polis überhaupt sinnvoll koordinieren konnte, aber offensichtlich funktionierte es. Das Taxi überflog in einem weiten Bogen die Grenze des Berliner Viertels. Abrupt änderte sich die Architektur der Gebäude. Vor ihnen zeichnete sich deutlich Manhattans Skyline ab.
»Wichtige Geschäfte, was, Boss?«
Seth wünschte sich, der Mann würde einfach seine Klappe halten. Er schaute auf die Uhr. Das Meeting begann jede Minute und vom Prager Viertel trennten sie noch mindestens vier weitere Bezirke.
»Hat bestimmt mit dem Anschlag zu tun, richtig, Boss?«
Seth sah verblüfft nach vorne. Sofort bedauerte er seinen Mangel an Selbstkontrolle, als seine Augen sich mit denen des Taxifahrers im Rückspiegel trafen. Der Mann hatte seine Antwort.
»Diese verdammten Menschen, Boss. Ich meine, nicht genug, dass sie unsereinen all die Jahre versklavt und unterdrückt haben. Nein, sie können nich einmal ne verdammte Niederlage eingestehen, sogar als der Rat ihnen nach der Revolution das Friedensangebot gemacht hat.«
Er unterstrich seine Ausführungen mit einem empörten Schnauben.
Seth lächelte grimmig. Als Mitglied der Menschenjäger wusste er es besser. Das so genannte ‚Friedensangebot‘ des Rates war nur eine schlecht verhohlene Täuschung. Dadurch wollte man die paar hundert Menschen, die die Rebellion der Novaten überlebt hatten, dazu bringen, aus dem Untergrund aufzutauchen. Natürlich nur, um auch sie internieren und töten zu können.
»Haben sie schon einmal echte Menschen gesehen, Boss?«
Seth nickte knapp, in der vagen Hoffnung, die Neugier seines Chauffeurs dadurch zu befriedigen. Ein Irrtum.
»Und wie sehen sie aus?«
Seth starrte verblüfft in das Paar kleiner Augen, das ihm erwartungsvoll aus dem Rückspiegel entgegen leuchtete.
»Wie meinen sie das?«
»Na ja, ich kenn da einen Kollegen, der meint, er wäre dabei gewesen, wie die Jäger einen von ihnen festgenommen haben. Der Typ war riesig und hässlich wie ne Spinne und er hatte so ganz lange Zähne.«
Seth konnte nicht glauben, wie bereitwillig die Bevölkerung die Schauergeschichten aufsaugte, die der Rat über die gleichgeschalteten Medien ausstreuen ließ, um die Menschen zu dämonisieren. Vor allem, wenn sie offensichtlich jeglicher Logik entbehrten.
»Das ist Unsinn. Die Menschen sehen aus wie sie und ich. Immerhin haben sie uns nach ihrem Vorbild erschaffen. Und außerdem, … gesetzt den Fall, sie wären so anders als wir, wie könnten sie sich immer noch vor uns verstecken?«
Der Taxifahrer pfiff anerkennend durch die Zähne.
»Ich sehe schon. Sie kennen sich aus, Boss.«
Der Mann verfiel in einen ehrfürchtigen Flüsterton. Seine kleinen Augen im Rückspiegel blitzten vor Neugier.
»Am Ende sind sie einer von diesen, diesen Jägern.«
Seth verfluchte ein weiteres Mal seinen Mangel an Vorsicht und seine Geschwätzigkeit. Er galt, sich ab jetzt zusammenzureißen.
»Nein, nein«, erwiderte er kopfschüttelnd, »ich bin bei der Steuerverwaltung.«
»Oh.« Das Augenpaar des Fahrers ließ ein wenig Enttäuschung erkennen. Sie währte indes nur eine Sekunde, bevor er wiederum in die Leutseligkeit verfiel, die eine unvermeidliche Dreingabe seiner aufdringlichen Präsenz zu sein schien.
»Verstehe, Sir. Na ja, kann ja nicht jeder ein Held sein.«
Versonnen schwieg der Chauffeur einen Moment. Seth wollte innerlich aufatmen, doch zu früh. Die feiste Körperfülle des Fahrers quoll bedrohlich über den Sitz, als er sich nach hinten beugte und im Verschwörerton flüsterte: »Ich verrate ihnen jetzt Mal ein Geheimnis, Boss.«
Bedeutungsvoll riss er seine Augen auf, bevor er sich erneut nach vorne drehte.
»Hab nämlich mal einen Jäger gefahren.«
Als ob Seth irgendeinen Zweifel an dieser sensationellen Enthüllung haben konnte, fuhr der Fahrer fort: »Aber nich irgendeinen. Den Besten von allen … Seth 2.097. … Sie wissen doch, Boss, … der, der neulich in den Etherstreams war, wegen seines einhundertsten Abschusses. Hab den Stream verpasst. Hatte Nachtschicht. Aber meine Lilly hat‘s aufgezeichnet und wir haben‘s zum Frühstück geschaut. Is n hübscher Kerl, hat sie gesagt. Ich war fast n bisschen eifersüchtig, aber ich meine … wer kann sich mit dem schon vergleichen.«
Der Mann lachte meckernd. Seth rückte in die Mitte der Rückbank, wo das Dach einen Schatten auf ihn warf.
»Ich glaube, ich habe schon einmal davon ihm gehört«, murmelte er leise.
»Wahnsinnstyp, Boss. Der dicke Heimdall, was mein Kollege ist, hält zwar mehr auf seinen Partner, diesen Garvon, oder wie der heißt.«
Seth biss sich auf die Zunge. Er musste sich eingestehen, dass es ihm eine gewisse Freude bereitete, Kharons Namen so vergewaltigt zu sehen.
»Aber allein zehn von dem seinen neunzig Abschüssen waren in Wirklichkeit ein Granatenwurf in einen geschlossenen Raum.«
Der Fahrer schlug sich amüsiert auf die fetten Schenkel. Seth musste unwillkürlich in sich hineingrinsen. Kharon litt regelrecht unter diesem Makel auf seinem Image, auch wenn beide wussten, dass das alles reine Propaganda war. Gestrickt, um die Menschenjagd wie eine Sportart von edler Vornehmheit wirken zu lassen, in der echte Männer voller Ritterlichkeit um die Sicherheit des Planeten wetteiferten.
»Ich meine, dass is doch nich dasselbe.«
»Könnten sie jetzt endlich ein wenig Stoff geben. Wenn ich es richtig erkenne, sind wir gerade über Madrid und noch zwei Bezirke vom Hradschin entfernt.«
»Klar, Boss. Tschuldigung.« Der Fahrer wischte sich schnaufend die feiste Stirn. Das Taxi sank auf einen tieferen Korridor, auf dem sich weniger Fahrzeuge bewegten. Seth lehnte seinen Kopf an die Scheibe. Unter ihnen zog das leuchtend weiße Rechteck des Palacio Real vorüber. Eine Viertelstunde später senkte sich das Hover z
© Text Thomas Elbel
 
Frage: Wie heißen die von Menschen geschaffenen künstlichen Wesen, die auf dem Mars die Macht übernommen haben?
 
Die richtige Antwort schickt ihr bitte an adventsgewinnspiel2013@gmx.de(Betreff: 35. Türchen plus heutiges Datum)
Einsendeschluss ist um Mitternacht. Der oder die Gewinner/in wird morgen ermittelt und von uns per Email benachrichtigt.
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Adventsgewinnspiel 2013 – Tür 34

 
Heute könnt ihr das signierte Buch und zusätzlich eBook von „Mana Loa ~ Familienbande“ von Astrid Rose gewinnen.
 
 
Außerdem gibt es eine Zusatzchance auf eine Tasse mit dem Label von Mana Loa!
 
 
Kurzbeschreibung:
Nina, vom Leben gezeichnet, belegt mit einer Gabe, auserkoren, um zu ändern, was die Vergangenheit bewahrt und die Zukunft bereithält. Berührt von der Liebe eines Mannes, dessen Dasein in ihren Händen weilt, begibt sie sich auf eine Reise zu sich selbst. Ihr Schicksal entscheidet über das der Welt.
Astrid Rose
 
Leseprobe aus „Mana Loa ~ Familienbande“
Genre: Romantasy / Fantasy Das Buch ist erhältlich bei Amazon.de als Taschenbuch & kindle edition Außerdem findet ihr auf der Homepage alle Infos zum Buch
 
Leseprobe
Ein Anruf führt zum Aufbruch
Eine halbe Stunde später saßen wir in einem italienischen Restaurant in der Nähe von Toms Wohnung und aßen zu Mittag Pasta.
Kurz nach dem Essen verabschiedeten sich Toms Freunde und ich nutzte die Gelegenheit, um mehr über ihn und seine Familie zu erfahren.
»Sag mal … das vorhin am Telefon, war das deine Mutter?«
»Yes!« Tom strahlte über das ganze Gesicht. »Meine Mom hofft, dass ich eines Tages nach Noelani zurückkehre.« Für einen Moment blickte er sehnsüchtig ins Leere. »Deswegen ruft sie mich jeden Sonntag an und erzählt mir das Neueste vom Neuesten.«
»Moment mal!«, unterbrach ich seinen Redefluss. »Zeittechnisch gesehen, hinken die uns auf Hawaii aber nur einen halben Tag hinterher.« Ich blickte auf meine Uhr. Es war 1 Uhr 30 Mittags. »Dort ist es jetzt halb 2 Uhr nachts und zwar Donnerstag, genauso wie hier. Also ist es auf keinen Fall Sonntag … «
»Kluges Kind«, unterbrach Tom mich und zwinkerte mir zu. »Seit ein paar Wochen, ruft sie täglich an, um nicht nur mir alles von Hawaii zu erzählen, sondern um sich vielmehr nach dir zu erkundigen.«
»Nach mir?!«, ich war ich wahrlich überrascht.
»Yes. Ich war so frei und habe ihr von dir erzählt und nun quetscht sie mich täglich über dich und mich aus.« Tom nahm meine Finger in seine Hand und streichelte über meine Knöchelchen. »Mom kommt in einer Woche, um hier etwas Geschäftliches zu erledigen und sie würde dich gerne kennenlernen.«
»Findest du das nicht noch ein wenig zu früh?«, fragte ich ihn verunsichert. In mir kämpfte die Nervosität gegen die Neugier und, als ob das nicht schon genug Aufruhr in mir verursachte, meldete sich auch noch die Stimme der Kartenlegerin zu Wort: »Makuahine.«, flüsterte sie mir zu.
»Mutter«, sprach ich es laut – zu laut – aus.
»Wie bitte?«, fragte Tom überrascht.
»Deine Mutter ist doch wohl nicht so ein Schwiegermonster, oder?« Was Besseres fiel mir grade nicht ein.
Tom lachte aus der Tiefe seines Herzens. »Ein Schwiegermonster?!« Erneut lachte er. »Meine Mom ist der gütigste Mensch, den ich kenne. Ein Schwiegermonster …« Er kriegte sich bald gar nicht wieder ein und es vergingen noch einige Momente, bis er mich wieder ernsthaft ansah. »Du brauchst vor ihr keine Furcht haben.«
»Hab ich auch nicht«, antwortete ich ihm ehrlich. »Nur wir … ich meine unsere Beziehung …«
Der Kellner stand plötzlich neben unserem Tisch und Tom bestellte zwei Gläser Champagner.
»Unsere Beziehung«, übernahm er jetzt das Wort, »ist noch recht frisch. Ich weiß. Deswegen habe ich sie ja auch gebeten, ihre Reise ein wenig zu verschieben, sonst wäre sie ja schon vor einer Woche hier gewesen. Aber ich wollte erst das mit dir in trockenen Tüchern wissen, bevor ich dich meiner Mom vorstelle.«
Mich überkam plötzlich ein ganz merkwürdiges Gefühl, welches sich noch mehr verstärkte, als der Champagner auf den Tisch gestellt wurde und Tom eine kleine Schachtel aus seinem Jackett zog.
»Du wirst ja wohl jetzt nicht um meine Hand anhalten?!«, fragte ich ihn, noch bevor der Ober aus unserer Hörweite war.
Tom lachte laut auf, schob mir aber zugleich das samtumhüllte Kästchen zu.
»Was ist das?«, fragte ich leise. Gänsehaut bildete sich trotz der Hitze im Raum und ich konnte ein leichtes Zittern nicht unterdrücken, als meine Finger über den Samt strichen.
»Das ist ein kleines Geschenk und es wäre mir eine Freude und eine Ehre, wenn du es annehmen würdest.«
Seine Worte machten mich noch nervöser. Langsam hob ich den Deckel ab. Gott sei Dank, durchfuhr es mich, denn ich hätte wirklich nicht gewusst, welche Antwort ich ihm gegeben hätte. Denn eins war für mich glasklar: Dieser Mann, mit dem hinreißenden Lächeln hatte mehr Einfluss auf mich, als jeder andere Mensch auf der Welt, und wenn er etwas von mir wünschte, so war ich gewillt, es ihm zu erfüllen. Fast so, als wenn mein Seelenfrieden von ihm abhing.
In der Schachtel lag ein Armband. Es war genauso geschmiedet wie die Halskette, doch es hatte keinerlei Anhänger. Während ich es umlegte, hauchte ich: »Danke!«
»Eigentlich wollte ich es dir übermorgen, zu unserem einwöchigen Zusammensein geben«, spitzbübisch lächelte er mich an. »Aber ich finde, jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Jetzt, wo du dich mir endlich ein wenig geöffnet hast.«
Ich stützte mich auf und gab ihm einen zärtlichen Kuss. »Das vorhin tut mir leid. Ich bemühe mich ja, aber …«
Tom legte seinen Zeigefinger auf meinen Mund. »Lass uns einfach den Tag genießen, so wie er kommt, okay?«
Zustimmend nickte ich.
Fünf Minuten später gingen wir aus der Trattoria. Tom hatte mir zwar, passend zum inzwischen wieder wolkenlosen Himmel, ein luftiges weißes Sommerkleid mit riesigem Blütendruck gegeben, dennoch konnte ich vor Hitze kaum atmen und so gingen wir ins nächste Gebäude, welches sich als eine Galerie entpuppte.
Obgleich der Laden nicht gerade überlaufen war, bekam ich von der Ausstellung nicht viel mit, meine Gedanken waren in Toms Apartment zurückgewandert.
Liebe ich ihn?, fragte ich mich. Ich wusste es wirklich nicht! Ja, ich mag ihn. Ich mag ihn sogar sehr, aber lieben? In Gedanken fasste ich nach dem Anhänger an meiner Kette und erneut schossen mir Bilder durch den Kopf:
Vor meinem inneren Auge erschienen wieder die Eule und der Adler. Beide jagten an mir vorbei. Und auch diesmal griff der Adler zu. Ein schmerzerfülltes Kreischen hallte in meinen Ohren und der blaue Schimmer der Eule verwandelte sich in einen blutroten Schein. Der Adler kam mit seinem Fang auf mich zugeflogen und ließ seine Beute vor meine Füße fallen. Ich kniete mich nieder und wollte gerade die weiße Eule hochheben, als diese im Nichts verschwand. Zurück blieb nur ein hellrotes B im Sand.
»Gefällt dir die Kunstsammlung?«, hörte ich Tom wie durch eine Nebelwand fragen. Dabei legte er eine Hand auf meine Schulter, wodurch er mich endgültig in die Realität zurückholte.
Das letzte Bild verschwand im Nichts und nach einigen Sekunden, in denen mich ein schwerer Kopfschmerz durchzog, ließ ich meinen Blick durch den Raum streifen und nahm zum ersten Mal die verschiedenen Gegenstände wirklich wahr. Als ich das ausgestellte Skelett mit dem rosa Tutu sah, brach ich in schallendem Gelächter aus. Ehrlich antwortete ich: »Nein. Es gleicht mehr einem Zirkus, als einer Kunstausstellung.«
Er lachte. »Bin ganz deiner Meinung. Lass uns gehen … es sind nur zehn Minuten bis zu meiner Wohnung.«
Wir brauchten nur Acht.
Mit seiner Keycard öffnete Tom die Tür zum Gebäude. Galant, wie er war, hielt er auch diese Tür für mich auf, dabei fiel ihm seine Kartensammlung herunter.
Ich rauschte förmlich an ihm vorbei und schwebte in Richtung des Fahrstuhls davon.
»Hallo, Sie … junges Fräulein.«
Ich drehte mich um.
»Ja, Sie meine ich«, sagte der mir noch unbekannte Pförtner, der aus dem Seitenflügel des Gebäudes hervorkam und auf mich wies. »Sie können hier nicht einfach so reinspazieren. Das sind alles Privatwohnungen von erlesener Kundschaft.«
Tom brachte sich unbemerkt hinter dem Hauswart in Stellung. »Gibt es ein Problem, Anton?«, fragte er.
Der Hausangestellte wirbelte herum. »Guten Tag Herr McAllister. Es … es tut mir leid, aber diese Frau«, er zeigte auf mich, »wollte sich unerlaubt Zutritt verschaffen.«
»Die junge Dame, Anton, gehört zu mir. Felix hat sie bereits in die Gästeliste aufgenommen«, antwortete Tom freundlich, aber bestimmend.
»Sie meinen das Fräulein war schon mal Ihr Gast?«, fragte der Concierge ungläubig.
»Es geht Sie zwar nichts an, aber ja, Miss Lorenz war bereits zweimal zu Besuch und wird es wohl noch öfter sein. Es wäre also von Vorteil, wenn sie mir eine dritte Keycard besorgen könnten, damit Miss Lorenz jederzeit in mein Apartment kann«, forderte Tom ihn auf.
Der Pförtner sah mich verdutzt an und mir stieg die Röte in die Wangen.
Tom verdrehte die Augen und räusperte sich.
Anton wandte sich spontan wieder Tom zu. »Selbstverständlich. Ich werde mich gleich darum kümmern. Wäre es Ihnen in zehn Minuten recht?«
Jetzt sah Tom zu mir herüber und ließ sein Grübchen über den Mundwinkeln aufblitzen: »In zwei Stunden würde es uns besser passen.«
Die Röte steigerte sich zu einem Rot. Ich drehte mich um und ging in Richtung Fahrstuhl. Ich wollte mich nicht so präsentieren.
»Ach, und bevor ich es vergesse: Miss Lorenz ist gestern Nacht hier ausgerutscht. Sie sollten den Boden noch mal mit einem lösungsmittelhaltigen Reiniger polieren«, es war eine Aufforderung, die keinen Widerspruch duldete. »Und so glatt, wie der Boden ist, wohl zweimal.«
»Jawohl Sir«, antwortete Anton kleinlaut.
Mit schnellen Schritten kam Tom hinter mir her und fasste mich am Arm. »Lass uns gehen. Ich kann solche Opportunisten nicht leiden«, raunte er mir zu und schob mich sanft in den Fahrstuhl.
Anton warf uns noch einen finsteren Blick zu, bevor die Tür sich schloss.
Tom knurrte: »Wenn der dich noch mal erniedrigt, werfe ich ihn raus!«
»Hey, komm wieder runter!«, bat ich ihn. »Er wusste doch nicht, dass ich dein Gast bin.«
»Du verstehst es nicht, oder?«, raunte Tom mich an. »Niemand darf dich so behandeln.« Ohne ein weiteres Wort, zog er mich an sich, küsste mich geradezu besitzeinnehmend und entblößte meine Schulter, was angesichts des schmalen Trägers nicht sehr schwer war. Er küsste meine Wange und glitt hinab zu meinem Hals. »Nobody!«, murmelte er in meine Halsbeuge hinein, woraufhin ich eine Gänsehaut bekam.
Ich schloss meine Augen und hob den Kopf an. Als ich die Lider öffnete, schaute ich direkt in die Kamera. Sofort stieß ich Tom von mir weg.
»Was ist Engel? Bin ich zu grob gewesen?«, fragte er wahrlich überrascht.
»Nein … ich mag nur keine Zuschauer«, bemerkte ich trotzig und schaute nach oben. Sein Blick verriet mir, dass er von der Kamera wusste. »Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Ich bin nicht dein Spielzeug!«, fauchte ich ihn an.
»Sorry … ich wollte dem Spießbürger nur mal zeigen, wer du bist«, sagte er betreten. »Es hat mich einfach aufgeregt, wie herablassend er dich behandelt hat.«
»Ach und du meinst, seine Einstellung zu mir wird sich ändern, wenn er mich halb nackt sieht?«
»Nein, aber wenn er sieht, wie du dich gegen meine Aufdringlichkeit wehrst.« Er grinste mich an und meine aufkeimende Wut verrauchte sofort.
»Du bist ein ganz schön verschlagener Hund … Tom McAllister.«
»Ich weiß, aber gerade das magst du doch so an mir. Gib es ruhig zu.«
»Ein wenig vielleicht.«
Wieder küsste Tom mich, doch diesmal war es ein zärtlicher warmer Kuss.
Der Fahrstuhl hielt im vierten Stock. Langsam drängte ich ihn heraus, ohne jedoch seine Lippen von meinen zu lassen.
Während wir uns weiter liebkosten, schob Tom die Keycard unbeholfen durch das Lesegerät seiner Haustür. Küssend betraten wir seine Wohnung und, noch bevor wir im Wohnzimmer waren, hatte er mir das Oberteil des Kleides vollends abgestreift. Nun hatte er einen direkten Blick auf den spitzenbesetzten BH, den ich trug. Wider Erwarten fühlte ich mich nicht einmal unwohl in meiner Haut. Im Gegenteil: Toms Nähe sorgte dafür, dass es mir gut ging und die Gänsehaut, die mir jetzt den Rücken hinunterlief, einer anderen Quelle als Furcht entsprang.
Er ging einen Schritt zurück, betrachtete mich und pfiff leise. »Von einer grauen Maus zu einer verführerischen …« Bevor er den Satz vollenden konnte, spielte sein Handy eine sanfte Melodie. »Sorry, ich muss drangehen! Wenn Hawai’i Pono’i ertönt, ist es jemand von meiner Ohana und die rufen um diese Uhrzeit nicht einfach so an. Es ist auf Oahu jetzt 2.30 Uhr in der Nacht.«
Er berührte den grünen Icon und sagte: »Aloha« Einen Moment später wurde er ganz blass und stammelte ins Telefon. »Accident … Nicht Sophie, nicht Bens Wahine … Ala, Pali, Moana … probably death. Yes. … Charles okay … Aloha« Tom legte auf, fuhr sich mit seiner Hand übers Gesicht und durch seine Haare. An seinem Hinterkopf ließ er seine Finger innehalten. »Ich muss nach Hause fliegen.« Er atmete tief aus. »Bens Frau Sophie, ist heute Nacht von der Straße abgekommen und über die Klippen ins Meer gestürzt. Ob sie überlebt hat, weiß man noch nicht. Bisher konnten sie nur den Wagen bergen … er war leer.« Er nahm seine Hand vom Kopf und seine Haare standen nun wild nach allen Seiten ab.
Wenn es nicht eine so ernste Situation gewesen wäre, hätte ich mir einen dummen Spruch wohl nicht verkneifen können, doch so stand ich nur rat- und hilflos da und blickte ihn mitleidsvoll an.
»Tu mir bitte den Gefallen und achte aufs Handy.« Er übergab mir sein IPhone und ich spürte in diesem Moment, dass ihm dieses Ding zum ersten Mal unwichtiger war als
alles andere. »Mom versucht gerade ihren Schwager Charles zu erreichen, damit ich bald abfliegen kann. Ich geh derweil duschen und mich reisefertig machen.«
»Ist gut.«
Tom schenkte mir noch ein leichtes Lächeln und verschwand dann in sein Badezimmer.
Es dauerte keine zwei Minuten, da ertönte wieder Hawai’i Pono’i. »Aloha. This is Nina Lorenz speaking.«
Eine freundliche Stimme antwortete auf Deutsch: »Hallo Nina, hier ist Christine McAllister, Toms Mutter. Wie geht es Ihnen?«
»Gut. Danke der Nachfrage. Tom ist gerade duschen. Ich soll die Flugdaten entgegennehmen.«
»Ja richtig. Ich habe Charles angerufen. Er versucht gerade einen Flug von Bremen aus zu organisieren. Das dauert leider noch ein wenig und er schickt die Daten via Mail.
»Okay, ich werde es Tom ausrichten.«
»Nina?«, Christines Stimme klang ein wenig nervös.
»Ja«, antwortete ich unsicher, weil ich nicht wusste, was ich von ihrem Ton halten sollte.
»Nach allem, was Tom mir von Ihnen erzählt hat, glaube ich, dass er sich wünscht, dass Sie ihn begleiten.« Die Neugier in ihrer Stimme ließ sich nicht verhehlen.
»Entschuldigen Sie meine Direktheit, aber ist es nicht eher Ihr Wunsch als seiner?«, fragte ich ohne Umschweife.
Ein glockenhelles Lachen ertönte am anderen Ende der Leitung. »Sie haben mich ertappt. Wobei ich mir allerdings auch sicher bin, dass es in seinem Sinne ist.«
»Aber ich kann mich doch nicht einfach bei ihm unterhaken …« In mir kämpfte die Vernunft gegen den Wagemut. Wenn ich jetzt nachgeben würde, bedeutete es für mich, dass diese Romanze zu etwas Ernstem geworden ist. Andererseits machte sich die Unruhe in mir wieder breit.
»Bitte Nina. Kommen Sie mit. Er braucht Sie jetzt an seiner Seite. Ich kenne meinen Sohn und weiß, dass er Ihre Unterstützung nötig hat. Wissen Sie, es fällt ihm unheimlich schwer nach Noelani zurückzukehren und die Umstände seiner Heimkehr sind alles andere als glück…«
»Warum? Was ist so Schreckliches passiert, dass er nicht nach Hause will?« Die Unruhe ergriff mich nun von der Haarwurzel bis zur Zehenspitze und ich fühlte die Antwort auf das Rätsel greifbar nahe.
Christine sog hörbar Luft ein. »Das ist etwas, das er Ihnen selber erzählen muss. Aber glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass es ihm hilft, wenn Sie mitkommen.« Für einen Moment herrschte Stille. »Bitte Nina, bringen Sie mir meinen Sohn zurück.«
»Ich … ich weiß nicht …« Ihre Worte klangen so herzzerreißend ehrlich und Hilfe suchend und ließen mich noch mehr wanken.
Tom stand plötzlich hinter mir und streichelte mir über meine nackten Arme. Er hauchte mir einen Kuss auf meinen Hinterkopf. »Was will meine Mutter von dir?«, flüsterte er in mein Haar.
»Bitte Nina …«, hörten wir sie aus weiter Ferne sagen, als ich ihm das Telefon übergab. © Text Astrid Rose
 
Frage: Wenn Toms Familie anruft, ertönt Hawai’i Pono’i. Diese Melodie wurde 1874 von dem deutschen Kapellenmeister Heinrich Berger komponiert und hieß ursprünglich Hymn of Kamehameha I. Später wurde sie mit den Worten des letzten Monarchen versehen und ist heute die … (?) von Hawaii.
Um die Tasse zu gewinnen, ist folgende Frage zu beantworten: Am Ende kommt zusammen, wer zusammengehört … nur einer bleibt außen vor. Wer ist das?
Die richtige Antwort schickt ihr bitte an adventsgewinnspiel2013@gmx.de (Betreff: 34. Türchen plus heutiges Datum)
Einsendeschluss ist um Mitternacht. Der oder die Gewinner/in wird morgen ermittelt und per Email benachrichtigt.
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Adventsgewinnspiel 2013 – Tür 33

 
Heute könnt ihr das Buch „Pech und Schwefel“ von Madison Clark gewinnen!
Zusätzlich gibt es auch noch einen zweiten Gewinner, denn die Autorin vergibt auch noch ein eBook ihrer Vampirkurzgeschichte „Shadows Lost
 
 
Kurzbeschreibung:
Das Chaos herrscht in den Straßen. In einer einzigen Nacht verlieren die neunjährigen Zwillinge des Hohepriesters ihre Eltern, ihr Zuhause und ihre Identität. Niemand will Ronor und Nomarac glauben, dass sie das schreckliche Inferno überlebt haben. Verzweifelt irren sie durch die Stadt, bis eine kleine Diebesbande sich ihrer annimmt. Doch gerade, als sie sich beim Diebstahl beweisen sollen, kommt alles ganz anderes. Die Zwillinge werden von den Stadtwachen festgenommen und eingekerkert. Aber das Glück spielt ihnen in die Hände. Die Brüder kommen wieder frei, jedoch nur, um von einem zwielichtigen Bordellbesitzer für die nächsten Jahre unter Vertrag genommen zu werden. Für ihn verrichten sie allerlei Arbeiten, dafür versteckt er sie in seinem Haus und gibt ihnen ein anständiges Obdach. Ohne Eltern, Geld und Heimat bleiben sie
notgedrungen im Bordell und finden in der Prostituierten Alori eine gute Freundin. Nach einem schrecklichen Vorfall, einige Jahre später, beschließen die Zwillinge zu fliehen. Nach Monaten auf der Flucht, von allen verlassen, kann ihnen schließlich nur noch ein Wunder helfen.
Madison Clark
 
Leseprobe aus „Pech und Schwefel
Genre: All Age Fantasy, High Fantasy Das Buch ist erhältlich bei Amazon.de als Taschenbuch & kindle edition Weitere Infos findet ihr auf dem Blog der Autorin
 
Leseprobe
Fünf entbehrungsreiche Tage lagen hinter Nomarac und Ronor. Nachdem sie ihren Rausch ausgeschlafen hatten, begannen die Diebe sofort mit ihrem Unterricht. Zuerst hatten Clay und Ayor ihnen hilfreiche Tricks gezeigt und erklärt, wie sie diese anzuwenden hatten. Dabei spielten die Diebe die unschuldigen Opfer. Anfangs ging es nur schleppend voran. Eine Schimpftirade nach der anderen folgte und Clay verlor oft die Geduld. Am fünften Tag war er endlich voll des Lobes für die Zwillinge. Sie hatten es geschafft ihm die Lederbörse vom Gürtel zu entwenden, ohne dass er es bemerkt hatte.
In den nächsten Tagen änderte sich das Leben der Brüder noch in anderen Dingen. Sie mussten ihre gewohnte Kleidung gegen schäbige Fetzen eintauschen. Die Diebesbande stattete sie mit viel zu langen, abgetragenen Hosen mit Löchern aus, die zerschlissenen Hemden waren ihnen ebenfalls zu groß. Seile um ihre Hüften hielt alles einigermaßen an Ort und Stelle. Schließlich ging Ayor hin und kürzte ihre neue Kleidung mit einem rostigen Messer. Doch der größte Verlust war der ihrer Lederstiefel. Clay bestand darauf, denn jeder Bürger der Stadt sollte in ihnen arme Bettlerjungen sehen.
Den eigentlichen Grund für ihre neue Aufmachung ahnten die Brüder nicht. Clay und Nyn befürchteten, dass sie in ihrer alten Aufmachung viel leichter als eineiige Zwillinge zu erkennen waren. Aus diesem Grund mussten auch Nomaracs Haare ab. Während Ronor seine bis weit über die Schultern trug, hatte Nomarac jetzt einen schiefen Kurzhaarschnitt. Der Rest ihrer Unkenntlichkeit übernahm eine Rußschicht im Gesicht.
Am neunten Tag war es dann endlich soweit. Nomarac gelang es Amon und Vorkim die Lederbeutel unter dem Umhang zu stehlen, während Ronor die Rolle des Lockvogels spielte. Er gab vor sich verletzt zu haben, um die Aufmerksamkeit der andere Diebe auf sich zu ziehen. Dadurch war es für Nomarac ein Leichtes die Raukarii zu beklauen.
Der nächste Tag rückte schließlich mit großen Schritten näher.
»Die Übungsstunden sind beendet«, gab Clay bekannt. »Ihr seid soweit. Heute ist eure Aufnahmeprüfung.«
»Heute Nachmittag wird das Oberhaupt Leven’raukas erwartet«, übernahm nun Nyn die weiteren Erklärungen und wirkte dabei sehr nervös. »Wie wir alle wissen, ist der Hohepriester aus Zyrakar der Bruder des verstorbenen Hohepriester von Mayonta. Er wird ab morgen die Gerichtsverhandlungen über die gefangen genommen Verräter abhalten. Danach werden sie auf dem Tempelvorplatz hingerichtet. Das heißt für uns … es werden eine Menge Raukarii auf den Straßen sein. Viele Raukarii mit gefüllten Lederbörsen.«
»Und eure Aufgabe ist es, uns mindestens einen halben Sack wertvoller Edelsteine zu bringen«, bedeutete Clay und tauschte mit seinem Stellvertreter einen wissenden Blick aus. »Sobald der Hohepriester mit seinem Gefolge den Tempelvorhof erreicht, wird jeder nur Augen und Ohren für den Hohepriester haben. Das ist eure Chance uns zu beweisen, wie gut ihr wirklich seid.«
»Aber … aber das ist doch …«, murmelte Ronor, der halbherzig auf einem Stück Brot herumkaute.
»Psssst«, flüsterte Nomarac ihm zu und knuffte ihn in den Oberarm. Sofort war Ronor ruhig.
Clay und Nyn taten, als hätten sie nichts mitbekommen, aber sie wussten ganz genau, was Ronor hatte sagen wollen. Auch Nomarac, der bei dieser Nachricht plötzlich eine Idee hatte. Er musste versuchen mit Ronor alleine zu reden, denn das wäre ihre
einmalige Chance endlich den Priester, aber vor allem ihrem Onkel – den sie zwar noch nie gesehen hatten – zu beweisen, wer sie waren. Der Hohepriester würde ihnen sicherlich glauben.
Eine halbe Stunde später brach die Diebesbande mit den Zwillingen auf. Auf den Straßen herrschte reges Treiben. Jeder drängte in Richtung Tempel, um einmal im Leben das Oberhaupt des Landes mit eigenen Augen zu sehen. Das war für Nomarac die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte. Sie trotteten langsam hinter Clay und seinen Kumpanen hinterher.
»Das Oberhaupt ist Papas Bruder«, sagte Ronor leise zu Nomarac.
»Ja. Mama hat uns doch einmal erzählt, wie er bei unserer Geburt zu Besuch war, erinnerst du dich?«
Bei der Erinnerung an ihre Eltern spürte Ronor augenblicklich wieder die Tränen aufsteigen. Er schluckte und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen. Obwohl er in den letzten Tagen versucht hatte stark zu wirken, vermisste er Vater und Mutter schrecklich.
Nomarac nahm ihn bei der Hand und drückte sie fest. Er weinte zwar nicht so oft wie sein Bruder, doch er spürte ein tiefes Loch in seinem Herzen, welches der Verlust von ihren Eltern hinterlassen hatte.
»Glaubst du, dass er uns erkennt?“, fragte Ronor und erwiderte den feste Händedruck. Aus den Augenwinkeln beobachtete er seinen Bruder, der so traurig aussah, wie er sich fühlte.
»Das wird er … ich habe einen Plan«, weihte Nomarac ihn ein. »Du wirst schon sehen, Brüderchen. Wir werden heute nicht mehr zurück ins Armenviertel gehen.«
»Und was hast du vor?«
»Wir werden …«
»Kommt ihr endlich?«, rief Clay ihnen zu und wartete, dass die beiden aufholten. »Wir wollen doch nicht zu spät kommen.«
»Ich erzähle es dir später«, hauchte Nomarac Ronor ins Ohr und gemeinsam folgten sie den Dieben weiter durch die Stadt.
Eigentlich wollten die Brüder niemanden bestehlen, das hatte ihnen ihre Mutter immer wieder gesagt, genauso, wie sie nicht lügen sollten. Doch es hatte sich so viel für sie geändert, dass ihnen kaum eine andere Wahl blieb.
Als sie das Stadtzentrum und den Vorplatz zum Zevenaartempel erreichten, gab es kaum noch einen freien Platz. Die Raukarii drängten dicht an dicht in kleinen Trauben zusammen, während die Stadtwachen in der Mitte einen Kreis freihielten, der für den Hohepriester und sein Gefolge bestimmt war. Auch die Straßen waren von Wachen gesäumt. Kein Raukarii würde es wagen durchzubrechen. Viele Raukarii reckten ihre Köpfe in die Luft, um nichts zu verpassen.
Am Rand der Menge fanden die Diebe ein freies Fleckchen, von wo aus sie eine gute Sicht auf den Tempel hatten. Die goldene Doppeltür ins Innere war geschlossen. Auf den Treppen hatten Raukarii eine hölzerne Bühne aufgebaut. Dort ruhte ein großer Lehnstuhl, links davon war ein großer Galgen erbaut worden. Zehn Verräter auf einmal konnten daran hingerichtet werden.
Clay und Nyn beobachteten eine Weile den Aufruhr, der sich gebildet hatte, dann befahl er allen sich zurückzuziehen. Sie liefen nur ein paar Meter weiter und versteckten sich in einer sehr schmalen Gasse.
»Ihr wisst was zu tun ist«, sagte er an die Diebe gewandt, die bestätigend nickten und ausschwärmten. »Und ihr zwei geht dort vorne zur Straße zurück.« Er fixierte die Brüder und deutete mit dem Kinn zu der Stelle, wo sie eben noch gestanden hatten. »Der Hohepriester kommt aus südlicher Richtung. Genau da stehen auch die Reichen. Ihr werdet mir einen halben Sack Edelsteine bringen. Verstanden?«
Ronor und Nomarac schluckten merklich. »Ja«, antworteten sie wie aus einem Mund.
»Dann los! Der Hohepriester wird gleich eintreffen«, sagte Clay eher zu sich selbst, als zu den Zwillingen.
Unter Beobachtung des Anführers der kleinen Diebesbande liefen Ronor und Nomarac nach vorne. Er ließ sie nicht aus den Augen, was sie noch nervöser werden ließ als sie es ohnehin waren. Clay lehnte sich voller Genugtuung gegen die Häuserecke, die Arme
vor der Brust verschränkt und grinste sie immer wieder an, wenn sie sich mit einem Blick über die Schulter vergewisserten, ob er noch da war.
Sie zwängten sich mitten in die Menge hinein und endlich waren sie unbeobachtet. Genau das war auch Nomaracs Absicht gewesen.
»Verrätst du mir jetzt, was du vor hast?«, wollte Ronor wissen.
In wenigen Sätzen erklärte er ihm seine Idee, die er mit einem selbstzufriedenen Lächeln beendete.
»Aber da wird Clay sehr wütend werden. Und vielleicht die Wachen auch.« Ronor freute sich zwar über ihre Vorhaben, aber er hatte auch Angst. Furcht davor, dass etwas schief laufen konnte. Er musste dabei immer wieder an ihre Abenteuer auf dem Markt denken.
»Wir sagen nur die Wahrheit, da kann uns nichts passieren«, beruhigte ihn Nomarac. »Lass uns gleich gehen, bevor Clay nach uns sucht.«
Mit rasendem Herzen und zittrigen Händen drängten sich die Zwillinge durch die Menge, bis sie ganz vorne bei den Soldaten standen, welche die wartenden Raukarii in Schach hielten, damit niemand einfach auf die Straße rannte.
Kaum waren sie in Position, wurde die Menge auch schon ganz unruhig. Die ersten Jubelrufe drangen an ihre Ohren, und dann sahen sie auch schon bewaffnete Soldaten mit Schwertern in den Händen, die die Straße entlang marschierten. Hinter ihnen kam ein Raukarii auf einem schwarzen Hengst ins Blickfeld. Er trug eine blutrote Samtrobe, darunter lugten schwarze Lederstiefel und eine Lederhose hervor. Seine langen Haare fielen ihm weit über die Schultern. Eine Lederscheide samt Schwert trug er um die Hüfte. Er saß stolz in seinem Sattel und wirkte wie ein König. Den Brüdern wurde es plötzlich ganz schwer ums Herz, denn der Raukarii ähnelte ihrem Vater so sehr, dass sie am liebsten sofort losgerannt wären. Doch sie hielten sich zurück und beobachteten, wie ein weiterer selbstbewusst wirkender Raukarii ihm auf einem braunen Pferd folgte. Er schien im selben Alter wie der Mann vor ihm zu sein. Sein rotes Haar hatte er mit einem Stück Leder streng zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er trug eine dunkle Lederhose und ein weißes Hemd. Auch er hatte seinen Waffengürtel umgeschnallt. Darin steckte ein Schwert, dessen Griff mit Edelsteinen verziert war. Er schaute mit skeptischen Blicken in die Menge. Hinter ihm marschierten weitere bewaffnete Soldaten.
»Gerechtigkeit!«, rief plötzlich eine Frau neben Ronor, und andere fielen in diesen Ruf mit ein.
Sofort schwoll der Lärm an, als der Hohepriester und sein Gefolge auf dem Tempelvorplatz zum Stehen kamen. Die Raukarii klatschten ihm Beifall.
»Komm mit«, forderte Nomarac seinen Bruder auf und zog ihm am Ärmel.
Wie von einer Tarantel gestochen stürmten sie auf den Hohepriester zu, der soeben vom Pferd stieg. Sie waren so flink, dass die Soldaten zu spät reagierten und die Zwillinge ihr Ziel erreichten, bevor sie jemand daran hindern konnte. Mit großen Augen taxierten sie den Hohepriester Ratlyr Anthyr. Auf seiner Brust prangte das goldene, heilige Symbol des Feuergottes Zevenaar – ein gehörnter Drache –, genau wie bei ihrem Vater.
Er sah die Zwillinge an, sein Gesicht war eine überraschte Maske. Seine Augen leuchteten freundlich, aber ebenso streng. Im Licht der Sonne glitzerte sein heiliges Symbol und ließ ihn fast wie ein Gott wirken.
Ronor öffnete staunend den Mund. Für einen Sekundenbruchteil hätte er beinahe Vater zu ihm gesagt.
Nomarac stand neben ihm und kämpfte gegen Tränen an. Sein Herz hämmerte wild in der Brust und er musste sich stark zurückhalten, dem Hohepriester nicht um den Hals zu fallen. Sein Atem ging schneller.
Der Schreck auf allen Seiten verflog jedoch sehr schnell. Von einem Moment zum nächsten brach das Chaos aus. Der Raukarii mit dem edelsteinbesetzten Schwertknauf sprang vom Pferd und zog die Waffe, mehrere Soldaten folgten seinem Beispiel und umstellten den Hohepriester und die Kinder, bereit auf ein Wort von ihm oder seinem Begleiter zu handeln.
Eingeschüchtert klammerten sich Ronor und Nomarac aneinander und starrten die Männer ängstlich an. Mit dieser Reaktion hatten sie nicht gerechnet. Und dann kamen zwei Soldaten des Hohepriesters, rissen die Brüder auseinander und ließen sie nicht mehr los. Sie versuchten um sich zu schlagen, begannen zu schreien, und wanden sich in dem schmerzhaften Klammergriff der Männer, die sie von hinten festhielten. Doch jeder Befreiungsversuch blieb erfolglos.
»Halt!«, sprach der Hohepriester Ratlyr Anthyr bestimmend. Auf dem Tempelvorplatz herrschte plötzlich aufgeregtes Schweigen.
Die Soldaten hielten abrupt inne und starrten ihren Herrn verwundert an.
»Das sind nur Straßenkinder … höchstwahrscheinlich Diebe«, sagte der Raukarii mit dem Schwert in der Hand.
»Es sind Kinder, Sanar«, bestätigte Ratlyr. »Aber wir wissen nicht, ob es Diebe sind. Und selbst wenn. Niemand wäre so töricht mich auf offener Straße und vor so vielen Soldaten zu bestehlen.«
Beschämt senkte Sanar den Kopf.
Ratlyrs neugieriger Blick wanderte zurück zu den zappelnden Brüdern.
»Wir wollten nicht stehlen«, rief Ronor.
»Wir müssen mit Euch reden. Es geht um unsere Eltern«, ergänzte Nomarac.
»Da hast du es.« Der Hohepriester lachte und sah die Zwillinge interessiert an. »Was möchtet ihr mir denn sagen?
»Wir sind Josias’ Söhne«, platzte es aus Nomarac heraus.
Ratlyr Anthyrs Gesichtszüge verhärteten sich schlagartig. Sein Körper versteifte sich. Er fixierte die Zwillinge mit zu Schlitzen verengten Augen und machte damit deutlich, dass er diese Neuigkeit weder glaubte noch, dass er für einen Streich aufgelegt war.
»Darüber macht man keine Scherze«, mahnte Sanar die beiden.
»Aber wir sind es wirklich«, versuchte es nun Ronor verzweifelt, zappelte in den Armen seines Häschers und schlug wieder wild um sich. »Josias war unser Vater. Seyldia unsere Mutter.«
»Ihr müsst uns glauben«, schloss sich Nomarac an. »Wir sind nicht tot. Ihr seid der Bruder von unserem Papa. Wir lügen nicht.«
»Wir wollen zu unseren Eltern.« Ronor begann zu weinen und Nomarac konnte seine eigenen Tränen nicht länger zurückhalten.
»Seid nicht so frech und anmaßend.« Sanar holte aus und verpasste beiden eine schallende Ohrfeige. »Ihr lügt!«
»NEIN!«, schrien die Zwillinge gleichzeitig und wurden immer verzweifelter.
In diesem Moment kämpfte sich eine der Stadtwachen durch die Traube der Soldaten, die sich immer noch um ihren Hohepriester versammelt hatten und das Geschehen misstrauisch verfolgten. Schließlich blieb der Raukarii neben den Brüdern stehen, musterte sie kurz und wandte sich dann an Ratlyr.
»Es tut mir schrecklich leid. Lasst euch bitte nicht beirren.« Kommandant Malor seufzte und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Seitdem wir den tragischen Verlust beklagen, kommen täglich junge Straßendiebe zum Tempel und behaupten, sie wären die Söhne des Hohepriester. Ich bitte vielmals um Entschuldigung.«
»Das habt ihr mir gestern Abend bei meiner Ankunft nicht erzählt«, sagte Ratlyr. Inzwischen schien er sich von dem Schock erholt zu haben. Mit einer Mischung aus Mitleid und Enttäuschung senkte er den Blick und schaute die Zwillinge aus den Augenwinkeln an, die leise vor sich hin weinten.
»Ich hielt es für belanglos. Entschuldigt. Ich werde mich umgehend um diese beiden kümmern«, entgegnete Malor verlegen. »Sie werden euch künftig nicht mehr belästigen.«
Nach diesen Worten straffte der Hohepriester seine Schultern und bedeutete seinen Soldaten den Weg freizugeben. Mit Sanar an seiner Seite wandte er sich wieder der Menge zu. Plötzlich brachen die umherstehenden Raukarii erneut in ohrenbetäubenden Jubel aus. Keiner mehr interessierte sich mehr für die beiden Kinder. Sie wurden im selben Augenblick von Kommandant Malor vom Vorplatz geschleppt, an die dieselbe Stelle, wo er schon einmal vor Tagen mit ihnen geredet hatte. Doch durch ihr neues Erscheinungsbild erkannte er sie nicht.
»Was fällt euch eigentlich ein?«, schnaubte er wütend, seine Hand wanderte dabei gefährlich zum Schwertknauf, welches er in der Scheide an der linken Hüfte trug. »Der Hohepriester trauert. Er ist hierhergekommen, um über die Verräter Gericht zu halten,
und ihr zwei verlausten Straßenratten habt nichts Besseres zu tun, als ihn in seiner Trauer zu sagen, ihr seid die toten Kinder seines Bruders. Welch eine Dreistigkeit.«
»Aber wir lügen doch nicht!« Ronor schluchzte und sein kleiner Körper bebte haltlos.
»Ihr könnt von Glück sagen, dass er euch nicht gleich als Diebe die Hände hat abhaken lassen.«
Ängstlich zuckte Nomarac zusammen und dachte an Nyns verlorene Hand. »Glaubt Ihr wenigstens an uns? Wir sagen die Wahrheit. Die Priester im Tempel kennen uns. Sie haben …«
»Ich habe jetzt genug gehört.« Kommandant Malor holte einmal tief Luft und ließ sie langsam entweichen. Er griff nach Nomaracs Arm und dann passierte es.
Klimpernd fiel ein Ring zu Boden und kullerte direkt vor Malors Stiefel. Konsterniert stierten alle drei auf das Schmuckstück.
»Ich wusste es! Ihr habt gestohlen!« Der Kommandant winkte augenblicklich zwei Soldaten herbei, die nicht weit von ihm entfernt die Menge in Schach halten sollten. Er beugte sich nach unten und hob den goldenen Ring auf. »Steckt die beiden in den Kerker«, befahl er ihnen, dann drehte er sich mit zorniger Miene um und lief zum Tempeleingang. Für ihn war die Sache damit erledigt.
Panisch schrien die Zwillinge, doch sie wurden von den vielen Jubelrufen übertönt.
»Das waren wir nicht! Wir haben nichts gestohlen! Lasst uns los! Nicht in den Kerker! Hört uns doch zu! Wir sind keine Diebe!«
Nicht weit von der Verhaftung von Ronor und Nomarac, lehnte Clay gegen eine Häuserwand. Sein Gesicht wirkte wie versteinert. Er hatte die Lippen fest zusammengepresst, die Hände zu Fäusten geballt.
»Die Aufnahmeprüfung haben sie nicht bestanden«, flüsterte Nyn ihn ins Ohr.
»Verdammt!«, brüllte Clay plötzlich seinen Ärger heraus. Er drehte den Kopf und sah seinem besten Freund tief in die Augen. »Sollen sie doch in der Zelle schmoren. Aber
wenn ich denjenigen erwische, der ihnen den Ring zugesteckt hat, dem werde ich eigenhändig die Kehle aufschlitzen.«
»Du sprichst mir aus der Seele.« Nyn seufzte. »Sollen sie ruhig schmoren. Ich für meinen Teil habe keine Lust meine Bekanntschaft mit dem Kommandanten weiter zu vertiefen.« Daraufhin hielt er seinen rechten Armstumpf nach oben, denn kein anderer als Malor hatte ihm seine Hand vor Jahren abgeschlagen.
»Lass uns gehen … mir ist die Lust nach großer Beute vergangen«, sagte Clay und bei jedem Wort bebte seine Stimme vor Wut. »Die anderen können ja nachkommen.«
Sie kamen jedoch nicht weit. Während der Hohepriester Ratlyr Anthyr auf dem Podest vor dem Tempel mit seiner Rede anfing und die Menge daraufhin erneut mit lautem Beifall seine Ankunft und die baldige Gerichtsverhandlung feierte, versperrten ihnen plötzlich fünf Stadtwachen den Weg. Wie angewurzelt blieben Clay und Nyn stehen.
»Hallo Clay. Schon lange nicht mehr gesehen. Lasst uns zusammen einen Spaziergang machen«, befahl der Anführer der kleinen Gruppe und bedeutete zwei seiner Männer, die Diebe zu begleiten.
Die beiden schnappten sich Clay und Nyn und zerrten sie grob in die Hintergasse, wo sie zuvor schon mit den Zwillingen geredet hatten. Dort angekommen, wurden sie gegen eine Häuserwand geschleudert und die Wachen aus Mayonta bildeten einen Halbkreis um sie. Der Anführer trat nach vorne, die Arme vor der Brust verschränkt, sein Blick aus den bernsteinfarbenen Augen troff vor Abscheu.
»Was willst du, Caladur?«, fuhr Clay ihn sauer an und hielt seinem Blick eisern stand.
Caladur war ein hochgewachsener, muskulöser Raukarii. Sein Haar trug er zu einem festen Knoten am Hinterkopf zusammengebunden. Nicht sichtbar, doch jeder, der ihn näher kannte wusste es, er hatte in seiner schwarzen Lederrüstung überall verschiedene kleine Dolche und Messer versteckt. Im Waffengürtel ruhte ein blank poliertes Langschwert und auf der linken Brust prangte das Symbol der Stadtwache. In seinem Gesicht lag stets der Hauch von Zynismus.
»Das müsstest du doch am besten wissen«, antwortete Caladur gelassen.
»Keine Ahnung, wovon du redest«, erwiderte Clay, obwohl er den Grund bereits ahnte.
»Mir sind zwei deiner untergebenen Straßenratten vorhin begegnet«, säuselte Caladur mit einem schiefen Grinsen. »Ich weiß noch nicht, was ich mit ihnen tun werde. Es kommt wohl auf deine Antwort an.«
Clays Gedanken überschlugen sich. Entweder er sprach von seinen Freunden oder von den Zwillingen. Wenn er von den Kindern redete, dann kam nur ein Raukarii in Mayonta in Frage, von dem er seine Informationen bezog. Ein Raukarii, den er noch mehr hasste als Caldur.
»Weiß eigentlich Kommandant Malor von deinem zweiten Leben?«, fragte Clay frech und versuchte damit vom Thema abzulenken. Doch er bereute seine Worte sofort, als eine geballte Faust ihn mitten auf die Nase traf. Ein explosionsartiger Schmerz schoss ihm durch den Kopf. Blitze vor seinen Augen nahmen ihm kurzzeitig die Sicht und schließlich tropften Blutfäden aus den Nasenlöchern auf seine Brust. Dem nicht genug legte sich Caladurs Hand um seine Kehle und drückte zu. Aber es reichte, um Clay verzweifelt nach Luft schnappen zu lassen.
»Wag es nicht noch einmal, sonst …«, zischte Caladur.
»Sonst was? Mit was willst du mir drohen?«, krächzte Clay.
»Du hängst doch an deinen Händen und Füßen.« Caldur lachte und hielt plötzlich einen Dolch in der Hand. Er ließ Clays Hals los und legte die kalte Klinge an die dünne Haut seiner Kehle. Ganz langsam und genussvoll strich er mit dem scharfen Dolch von links nach rechts, wobei dieser einen schmalen roten Strich hinter sich herzog. »Wenn dir daran nicht viel liegt, feilschen wir um dein erbärmliches Leben.« Schließlich ließ er von ihm ab und trat zufrieden einen Schritt zurück.
Clay schluckte mehrmals und befühlte vorsichtig seinen Hals. Caldur hatte ihm den Kehlkopf gequetscht und es schmerzte höllisch. Allerdings hatte seine Drohung ihre Wirkung auch nicht verfehlt. Clay rang innerlich mit sich. Sollte er ihm verraten was er wusste oder besser schweigen.
»Siehst du, du kannst sanft wie ein schnurrendes Kätzchen sein.«
Für diesen Spruch hätte er ihm am liebsten sein Knie in die Weichteile gerammt, aber Clay blieb ruhig stehen und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Nyn in der Gesellschaft der zwielichtigen Stadtwachen immer kleiner zu werden schien.
»Und über was willst du reden?«, gab Clay nach. Gegen Caladur hatte er ohnehin keine Chance. Vorerst.
»Wenn es nach mir gehen würde, würde ich dich jetzt mitnehmen. Dich und deine verlausten Diebe einkerkern. Am Galgen wird morgen genug Platz sein, euch gleich mit aufzuknüpfen. Aber leider spreche ich heute nicht für mich. Endis will dein hübsches Gesicht sehen.«
Also hatte Clay richtig geraten. Sein Herz trommelte wild und seine Hände wurden ganz feucht. Den letzten Raukarii, den er sehen wollte war Endis Teptur – den Dämon in Raukariigestalt, wie ihn die meisten hinter vorgehaltener Hand nannten. Sie beide hatten noch eine offene Rechnung zu begleichen und Clay würde dabei verlieren.
»Eines weiß ich mit absoluter Gewissheit«, sprach Caladur weiter und erfreute sich an Clays wachsender Angst, »der Abend wird viel zu kurz sein, und die Nacht werdet ihr nur überleben, wenn ihr tut, was ich sage.«
»Du Schwein«, rief Clay ihm zornig zu und schon kehrte der Dolch an seinem Hals zurück.
»Halt’s Maul und pass auf, wie du mich nennst, sonst wird Endis Entlohnung doch zu wenig sein. Dann kümmere ich mich um dich und deine Freunde.« Caladur näherte sich Clays Ohr und flüsterte: »Du räudiger Hund einer Hure, der in einer Kloake geboren wurde. Endis verspeist solche Ratten wie dich zum Frühstück und ich übernehme gerne die Häutung. Entweder du spielst das Spiel mit oder aber …«
Weiter sprach er nicht, machte erneut einen Schritt zurück und brach in schallendes Gelächter aus, dem sich die fünf Stadtwachen anschlossen.
Clay knurrte und spuckte Caladur mitten ins Gesicht. Eine Sekunde später flog ihm die Faust erneut ins Gesicht. Clays Blick wurde von einem schwarzen Nebelschleier umwölkt und er fiel bewusstlos zu Boden. © Text Madison Clark
 
Frage: Was ist das heilige Symbol des Feuergottes Zevenaar?
 
Die richtige Antwort schickt ihr bitte an adventsgewinnspiel2013@gmx.de(Betreff: 33. Türchen plus heutiges Datum)
Einsendeschluss ist um Mitternacht.
Der oder die Gewinner/in wird morgen ermittelt und per Email benachrichtigt.
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Adventsgewinnspiel 2013 – Tür 32

 
Heute könnt ihr das eBook „Echtzeit“ von Sarah Reitz gewinnen!
 
 
Kurzbeschreibung:
Nina und Tom laufen sich jahrelang immer wieder über den Weg. Doch wie das Schicksal sie zusammenbringt, so reißt es sie auch wieder auseinander.
Sarah Reitz
 
Leseprobe aus dem Buch „Echtzeit“ Genre: Liebesroman Das Buch ist seit heute erhältlich. Wo, das erfahrt ihr auf dem Blog der Autorin. Außerdem findet ihr auf der Homepage der Autorin alle Infos zum Buch
 
Leseprobe
Kapitel 1
16. Mai 1997, Nürburgring
Total aufgekratzt hüpfte Nina in ihrem karierten Kleid und den gelben Gummistiefeln durch den Matsch. Eigentlich wollte sie jetzt mit ihren Freunden das Konzert von Supertramp verfolgen. Doch der wolkenbruchartige Regen und damit einhergehendes Gewitter machte der Gruppe einen Strich durch ihre Planung. Ein Blitzeinschlag hatte die gesamte Stromversorgung lahmgelegt, so dass das der Auftritt bis auf weiteres verschoben wurde. Eine halbe Stunde harrten die Freunde noch aus, entschlossen sich dann aber sich in ihr trockenes Zelt zurück zu ziehen. Der gesamte Zeltplatz glich einer Sumpflandschaft und die Gruppe konnte es kaum erwarten, den Biervorrat im Trockenen weiter schrumpfen zu lassen.
Nach einem halbstündlichen Fußmarsch, der immer wieder durch Gespräche mit fremden Konzertbesuchern unterbrochen wurde, erreichte Nina mit ihrem Trupp ihre provisorische Behausung für die nächsten Tage.
Es war ihr erstes ‚Rock am Ring‛ nur mit ihren Freunden. Ihre Eltern waren zwar nicht weniger musikverrückt als sie selbst, schließlich waren sie Berufsmusiker,. Ihr Vater meinte jedoch, dass er langsam vielleicht zu alt wurde, um betrunken im Matsch herum zu wanken. Außerdem sollte sie in einer Stunde endlich 18 Jahre alt werden, was sie mehr als nur freute.
Sie schnappte sich eine Dose und fläzte sich in den klapprigen Campingstuhl. Geschickt öffnete sie ihr Bier, setzte an, und erntete schadenfrohe Lacher ihrer Freunde, als ihr der eiskalte Gerstensaft unkontrolliert am Kinn runter lief. Großkotzig hielt sie ihren Mittelfinger in die Runde, Sie ließ sich ein Handtuch reichen, mit dem sie auch gleich ihre regennassen Haare ein wenig trocknete. Nach dem fruchtlosen Versuch ihre dunklen, strähnigen Haare einigermaßen zu trocknen und menschlich aussehen zu lassen, band sie sie schließlich zusammen. Dabei schweifte ihr Blick über den Zeltplatz und blieb an drei Personen hängen, die ebenfalls gerade dabei waren ihre Haare zu bändigen. Und was für Haare zwei der Dreien hatten! Nina wurde total neidisch, denn sie selbst war jetzt schon von ihrer Frisur genervt, obwohl sie ihr gerade mal über die Schulter reichte, aber beim Singen, Spielen und abrocken waren lange Haare einfach störend. Bis heute war sie nicht hinter das Geheimnis gestiegen wie James Hetfield, ihr großes Vorbild und Schwarm, das machte. Und einer dieser Typen, machte James in Sachen Frisur ernsthafte Konkurrenz. Männer mit langen Haaren gefielen ihr, warum konnte sie selbst nicht genau sagen. Noch eine ganze Weile beobachtete sie ihn, wie er die Haare zurück schwang, sich ein neues, trockenes Shirt überzog, mit seinen Kumpel scherzte… Plötzlich lachte er laut, ein tiefer, grollender Ton drang zu ihr durch und
bereitete ihr eine ziemlich krasse Gänsehaut. ‚Wow!‘, dachte sie und brannte darauf zu erfahren, ob seine Stimme ebenso tief und brummend klang, wie sein herzhaftes Lachen.
»Ey Nina!« Jemand hielt ihr ihre Gitarre hin. »Der Stromanschluss ist hinüber, das heißt du wirst uns ein bisschen was spielen müssen.« Die anderen waren schon dabei Kerzen aufzustellen und jemand wühlte in der Metallbox hinter ihr nach den großen Taschenlampen.
»Das heißt ja auch, wir müssen das Bier schneller trinken, bevor es warm wird«, grinste sie und griff nach ihrem Instrument. Sie zupfte die Saiten an und stimmte sie provisorisch nach Gehör. D as sollte für den Moment genügen, um ein bisschen herum zu klimpern. Lolli, einer ihrer besten Freunde hockte sich auf eine leere Bierkiste neben sie und begann die ersten Riffe von ‚Knockin´ on heaven´s door‘ zu spielen. Sie verdrehte die Augen.
»Gott, das gehört fast genauso verboten wie ‚Stairway to heaven‘.« Sie schüttelte sich, begann dann aber ebenfalls die Akkorde zu spielen und stieg direkt mit der ersten Strophe ein.
Sie spielte eine sehr eigenwillige Version des Bob Dylan Klassikers. Immer wieder unterbrach sie sich selbst durch Gegackere, während ihre Kumpel zärtlich schmusend miteinander tanzten. Gerade als sie in die zweite Strophe einstieg, sah sie in den Augenwinkel wie jemand die interessanten langhaarigen Typen herbei winkte. Begeistert davon, dass diese die Einladung offensichtlich annahmen, konzentrierte sie sich jetzt doch darauf das Lied würdiger zu spielen und setzte zur Bridge an. Mit geschlossenen Augen bemühte sie sich jeden Ton zu treffen, schließlich wollte sie sich nicht blamieren. Erst als der letzte Ton gesungen war und Lolli die Abschlussakkorde verklingen ließ, öffnete sie ihre Lider wieder und erntete anerkennenden Applaus von den neuen Gästen.
»Ey, das war echt gut«, sagte der Interessanteste der Dreien und setzte sich direkt auf den Plastikstuhl, der ihr gegenüber stand.
»Danke«, murmelte sie und war überrascht von der leichten aufsteigenden Röte in ihrem Gesicht. Gott, das passierte ihr doch sonst nie!
»Spiel noch ein Lied, bitte.« Seine tiefe Stimme ging ihr durch und durch. Eine unübersehbare Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper und für einige Momente war sie seltsamerweise sprachlos.
»Ist dir kalt?« Er deutete auf ihre Unterarme.
»Ähm, nein.« Schnell zog sie ihre Arme an ihren Körper und rieb fest über ihre Haut, damit dieses verrückte Prickeln endlich aufhörte.
»Also, was magst du noch was spielen? Ich würde dir gern zu hören.« Er fixierte sie mit einem Blick, der sie fast dazu brachte zu spielen, was auch immer er wollte. Doch irgendetwas ließ sie stutzen, er kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht warum.
»Ich bin übrigens Tom«, stellte er sich jetzt vor und reichte ihr die Hand.
»Nina.« Sie ergriff seine Hand und durchforstete ihr Gehirn nach einem Tom mit unfassbar dunklen Augen und wahnsinnig tiefer Stimme. »Ok Tom.« Sie verwies ihre Verschämtheit in die hinterste Ecke und zeigte wieder die echte, selbstbewusste Nina. »Kannst du singen?«, fragte sie unverblümt.
Er nickte. »Jap, das ist meine Band.« Er deutete auf seine Kumpel, die bereits von den anderen weiblichen Anwesenden in Beschlag genommen wurden.
»Cool«, gab sie nur ungerührt von sich, »aber jetzt singst du mit mir.« Sie zwinkerte, ziemlich schnell hatte sie ihre alte Form wieder gefunden und begann die ersten Akkorde zu zupfen. »Kennst du den Song? ‚Ohne Dich‘?«
»Klar ‚selig‛. Hammer Band, Hammer Song. Du fängst an, dann ich und den Rest zusammen?« Er nahm noch einen Schluck aus seiner Bierdose und sah sie erwartungsvoll an. Nina nickte nur und grinste. S ie konnte es kaum noch abwarten zu erfahren, wie seine Singstimme sich anhörte. Vor lauter Aufregung kam sie aus dem Takt, als sie die ersten Akkorde schlug und Lolli stupste sie kurz an. Tom begann zu schnipsen, dann passte es und sie sang die erste Strophe. »Langeweile besäuft sich …«
Erst als sie ihren Part beendete sah sie kurz zu ihm, seine Augen funkelten in dem schwachen Licht der Taschenlampen. Wie gebannt starrte er sie an, doch er verpasste seinen Einsatz nicht. Er sang so unfassbar tief und sanft. Sie versank schier in seinem brummenden Bariton und blendete alles um sich herum aus. Vor lauter Faszination ließ sie ihn den Refrain allein singen. Jeder einzelne Ton brachte ihr Herz zum Stolpern und das Prickeln auf ihrer Haut war zurück. Auch die zweite Strophe begann er allein, doch jetzt verspürte sie den unbändigen Drang mit ihm zu singen. Sie wollte wissen, wie sich ihre Stimmen zusammen anhörten. Der erste Ton verließ ihren Mund, für einen kurzen Moment setzte die Melodie aus und Nina vernahm ein anerkennendes Zischen von Lolli,
bevor er weiterspielte. Die restlichen Gespräche um sie herum verstummten nach und nach. A lles schien sich nur noch um dieses eine Lied zu drehen.
Ja, sie liebte diesen Song, sie liebte dieses Lied abgöttisch und die Band ebenso, aber das, was gerade hier passierte war einfach unbeschreiblich. Ihr Gesang harmonierte so unfassbar gut mit seiner Stimme, dass dieses Lied in eine andere Sphäre gehoben wurde. Nichts war mehr wichtig. S ie spielte ihre Akkorde wie von selbst, sang die Töne nur noch nach Gefühl. Die Melodie von Lolli war lediglich schmückendes Beiwerk. Vollends tauchte sie ein in diesen Moment, in diesen Song und in seine Stimme. Ließ sich aufsaugen von ihrem Gefühl und schwebte nur noch dahin. Dafür lebte sie, für solche Empfindungen und für diese Musik!
Ihre Blicke fixierten sich noch lange, nachdem der letzte Akkord verklungen war. Das Schweben schien gar nicht enden zu wollen. Selbst den begeisterten Applaus ihrer Freunde nahm sie kaum wahr.
»Wow!«, stieß Lolli aus. »Echt man, was immer da zwischen euch abgeht … Aber das war grad mal der Oberhammer. Wahnsinn! Wirklich krass, Alter.« Er stand auf und schlug in Toms Hand ein. Lolli war in solchen Situationen immer sehr euphorisch. E r lebte die Musik genauso, wie sie es tat und wenn jemand verstand, was hier passiert war, dann er. »Ich muss mein Aufnahmegerät suchen. Ihr beide seid echt …« Er schüttelte den Kopf und rauschte ab in sein Zelt, um sich auf die hoffnungslose Suche nach seinem Diktiergerät zu machen.
»Er hat recht«, stimmte Nina leise zu, »das war wirklich krass.«
Tom lächelte und schlürfte gespielt gelassen den letzten Schluck Bier aus seiner Dose.
»Willst du auch noch eins?«, fragte er und sie nickte nur.
Sie war immer noch vollkommen benebelt von ihrer gemeinsamen Gesangseinlage und ihn schien die Nummer auch nicht kalt gelassen zu haben. Er zeigte es zwar nicht direkt, aber seine Blicke sprachen Bände. Stumm hielt er ihr ein neues Bier hin und setzte sich auf die nun freie leere Bierkiste neben ihr. Die Dosen zischten, als sie sie öffneten, vorsichtig stießen sie an. Auch nach ihren ersten Schlucken schwiegen sie, der Song hallte noch immer nach.
»Du hast eine tolle Stimme«, bemerkte er schließlich, »ich hab sie vorhin schon gehört. Du fühlst, wenn du singst.«
Wieder schoss ihr die unberechenbare Röte ins Gesicht. »Ich kann das nur zurückgeben. Du singst wirklich toll. Ich …« Ihr fehlten die Worte, denn wieder sah er sie mit diesem unfassbaren Blick an.
Seine Augen waren so dunkel, wirkten so gefährlich und dennoch vermittelten sie Wärme und Sicherheit. Er brach ihren Blickkontakt und betrachtete jetzt ihre Gitarre.
»Wie lang spielst du schon?« Erneut nahm er einen Schluck Bier und ließ sie dabei nicht aus den Augen.
»Seit ich elf bin. Spielst du auch?«
Er zuckte mit den Schultern zur Antwort.
»Eigentlich ja, aber für die Bühne reicht es nicht, deshalb bin ich zum Singen verdonnert worden.« Er grinste schief und Nina konnte nicht anders als es zu erwidern. »Du spielst sogar blind und dafür beneide ich dich, wirklich.«
Interessiert tippte er auf einen Aufkleber auf ihrer Gitarre. »Prenzlberg?«, fragte er.
Sie nickte. »Du auch, oder?« Seinen berlinerischen Akzent hatte sie sofort erkannt, als er sich vorstellte, dass er jetzt aus dem gleichen Stadtteil kam wie sie, war natürlich ein witziger Zufall. Tatsächlich nickte er und beide grinsten sich, einer dümmlicher als der andere, an. Ein wenig verlegen strich sie sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Er stutzte und sein Blick fiel auf die Narbe unter ihrem Auge. Natürlich bemerkte sie es sofort und rieb peinlich berührt mit den Fingern darüber. Sie mochte diesen Makel nicht wirklich an sich, aber er war nun mal da.
»Woher kommt diese Narbe?«, fragte er mit einem Gesichtsausdruck zwischen Staunen und Reue.
»Jemand hat mich mal mit einem Gitarrenkoffer vom Fahrrad gehauen.« Sie winkte ab. »Aber mein Paps hat ihm danach die Hölle heißgemacht.«
»Ich erinnere mich«, gestand er kleinlaut und wand sich ein wenig von ihr ab.
Nina schlug sich die Hand auf die Stirn. Daher kannte sie ihn! Er war der Junge, der sie damals unsanft von ihrem Fahrrad schubste. Ihm hatte sie diese überaus hässliche Narbe zu verdanken.
»Es tut mir wirklich leid«, murmelte er.
Unerwartet brach sie in fürchterliches Gelächter aus. Wie konnte sie ihm jetzt noch böse sein?
»Bitte, was ist so komisch?«, knurrte er sichtlich bedrückt.
»Dein Gesicht …«, giggelte sie, »das ist fast genauso gut, wie dein Ausdruck, als mein Vater dich durch unseren Hausflur gejagt hat, weil du seinem kleinen Mädchen weh getan hast.«
Jetzt stimmte auch er mit in ihr Lachen ein. »Oh ja, ich hatte wirklich Schiss vor deinem alten Herrn.«
»Sei froh, dass du nicht eine seiner Gitarren beschädigt hast, dann wärst du vermutlich nicht so glimpflich davon gekommen.« Sie verschluckte sich beinah an ihren Glucksern, doch dann brachte er sie mit einer kleinen Geste zum Schweigen.
Vorsichtig strich er mit dem Daumen über ihre Narbe. »Es tut mir wirklich leid, und ich glaube, es hilft kein bisschen, wenn ich dir jetzt sage, dass diese Narbe deinen blauen Augen einen gewissen Charme verleiht.«
»Einen gewissen Charme, ja?« Sie war krampfhaft bemüht, das unkontrollierte Prickeln in den Griff zu bekommen, doch wieder breitete sich die verräterische Gänsehaut aus.
Er nickte und sein Mund verzog sich wieder zu einer sanfteren Form seines schiefen Lächelns. Kaum merklich lehnte sie sich näher an ihn heran. Sein Daumen strich noch immer über ihre Narbe und sie ließ langsam ihre Fingerspitzen über seinen Handrücken streifen. Nur zu gern wollte sie ihn küssen, jetzt und hier.
»Happy Birthday too you … Happy Birthday …!« Die versammelte Mannschaft grölte los und unterbrach diesen kleinen, intimen Moment zwischen ihnen.
Nina sprang auf, lehnte ihre Gitarre gegen den Campingstuhl und klatschte freudig in die Hände, während ihre Freunde mit einem kleinen Marmorkuchen, frisch aus der Folienverpackung und 18 Kerzen darauf, auf sie zukamen.
»Süße 18?«, raunte ihr Tom ins Ohr. Er stand direkt neben ihr und legte sanft eine Hand auf ihren Rücken, bevor er aus voller Kehle in das Geburtstagsständchen einstimmte. © Text Sarah Reitz
 
Frage: In welchem Jahr wurde Nina geboren?
 
Die richtige Antwort schickt ihr bitte an adventsgewinnspiel2013@gmx.de (Betreff: 32. Türchen plus heutiges Datum) Einsendeschluss ist um Mitternacht. Der oder die Gewinner/in wird morgen ermittelt und per Email benachrichtigt.
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Adventsgewinnspiel 2013 – Tür 31

Heute könnt ihr das Buch „Satansbraten“ von Beatrix Lohmann gewinnen! Aber die heute Leseprobe ist auch ihrem neusten Werk „… weg bist du“ (Kurzgeschichtensammlung)
 
 
Kurzbeschreibung:
Karin Bergers beschauliches Leben gerät durch einen Einbruch völlig aus den Fugen. Nach “reiflicher Überlegung“ holt sich die knapp 50jährige daher einen Hund ins Haus. Dieser Entschluss soll Karins Leben allerdings ordentlich durcheinanderwirbeln, denn Molly, die wunderschöne Hündin aus dem Tierheim, entpuppt sich zwar als äußerst wirkungsvolle Abschreckung, hat aber leider auch eineausgewachsene Macke. Neben ihrer neuen Aufgabe als Hundebezwingerin versucht sich Karin von nun an als Ermittlerin in Einbruchsfragen, engagiert sich für den Erhalt des Tierheims, hilft neuen Freunden in Beziehungsnöten und hat eine Begegnung der dritten Art im Hundesalon. Kein Wunder, dass sie bei all dem Treiben beinahe den richtigen Mann verpasst hätte … Ein locker leichter Lesespaß
Beatrix Lohmann
 
Aber die heutige Leseprobe ist aus ihrem neusten Werk „… weg bist du“ Genre: Dark Stories Das Buch ist bei Amazon.de erhältlich als kindle edtion Außerdem findet ihr auf der Homepage der Autorin weitere Infos
 
Leseprobe
Als er die Augen aufschlug, war er im ersten Moment völlig verwirrt.
Desorientiert schaute er sich um und registrierte die Umgebung.
Er befand sich in einem großen, sehr großen Raum aus Holz. Überall an den Wänden waren Holzpritschen angebracht, auf denen Menschen, besser gesagt, Männer saßen oder lagen. Die meisten waren nackt, einige hatten sich aber auf verschlissene Handtücher gehockt oder bedeckten damit ihr Geschlecht. Er sah an sich herunter und bemerkte, dass auch er nichts anhatte. Nicht einmal ein Tuch besaß er, mit dem er sich hätte vor den Blicken der anderen schützen können. Unbehaglich schlug er die Beine übereinander und dachte:
Ich muss eingeschlafen sein. Warum kann ich mich nicht daran erinnern, wie ich hier hereingekommen bin? In seinem Kopf war nur eine schwarze Leere, sobald er versuchte, darüber nachzudenken. Dann kam die Hitze.
Er hatte die Temperatur im ersten Moment nicht als extrem empfunden, doch mit einem Mal erklang ein lautes Zischen und mit einer Plötzlichkeit, die ihn völlig überraschte, erhitzte sich der Raum so unvorstellbar, dass es ihm die Luft aus den Lungen trieb. Ein lautes Stöhnen ging durch die Reihen und während er mit einer Ohnmacht kämpfte, spürte er, wie seine Haut sich zusammenzog, zu eng wurde für seinen Körper und seine Haare zu verschmoren begannen. Seine Lungen füllten sich mit der heißen Luft und er hatte das Gefühl, als durchströme ihn flüssiges Feuer. Weinen konnte er nicht, denn seine Augen waren von der Hitze ausgetrocknet. Als er meinte, die Schmerzen nicht mehr ertragen zu können, versuchte er zu schreien, doch seine Lippen waren zusammengeschweißt und er brachte wie all die anderen nur ein gequältes Stöhnen heraus. Er schaute nach rechts, doch als er seinen Nachbar näher betrachtete, musste er sich angeekelt abwenden. Auf dessen Rücken hatten sich große Brandblasen gebildet, aus denen helle, gelbliche Lymphe floss und auf die Pritschenbretter tropfte.
Überall sah er schmerzverzerrte Gesichter, aufgeplatzte Haut und hörte Stöhnen und Wimmern.
Doch so plötzlich, wie sie gekommen war, ließ die Hitze nach.
Die Temperatur war noch immer viel zu hoch, aber im Vergleich zu dem eben Erlebten, war sie erträglich. Ungläubig ließ er seine Blicke hin und her wandern. Träumte er? Hatte er Halluzinationen? Er musste sich Klarheit verschaffen! Sofort!
Vorsichtig drehte er sich zu seinem linken Nachbarn um und fragte ihn, was das alles solle und was es mit der Hitze auf sich habe.
Der Mann, der ihm irgendwie bekannt vorkam, drehte sich nicht einmal zu ihm um, sondern starrte weiter auf einen Fleck an der gegenüberliegenden Wand. „Frag nicht so viel. Genieße die Pause.“
Damit war das Gespräch für ihn offensichtlich beendet.
Auf der Pritsche gegenüber saß ein fetter Schwarzer. Er hatte einen grauen Lappen über seine dicken, schwabbeligen Oberschenkel gelegt und starrte vor sich hin ins Leere. Als er auch ihm seine Fragen stellte, bedachte der Schwarze ihn mit einem hochmütigen Blick. Die Haut des Mannes war mit vernarbten, sich bildenden und schwärenden Brandwunden übersät und auch sein Gesicht war entstellt. Trotzdem kam ihm dieser arrogante Blick bekannt vor. Hatte er diesen schwarzen Koloss nicht schon einmal in der Zeitung gesehen? War er nicht ein afrikanischer Diktator? Isi oder Imi oder so ähnlich?
„Lass mich in Ruhe,“ raunte der Schwarze und drehte sich weg.
War denn allen hier drinnen das Gehirn verschmolzen? Warum sprachen sie nicht mit ihm? Doch bei genauerem Hinsehen bemerkte er, dass überhaupt niemand sprach. Sie stierten einfach vor sich hin und nur einige wenige bewegten die Lippen in stummem Selbstgespräch. Weiter hinten im Raum sah er jedoch jemanden, der wild mit den Händen gestikulierte. Er schien nicht so abgestumpft zu sein, wie die anderen hier. Vielleicht konnte dieser Mann ihm weiterhelfen. Er erhob sich von der Pritsche und wollte gerade losgehen, als erneut das Zischen erklang. Dann kam die Hitze …
Wenn es überhaupt sein konnte, so war es diesmal noch schlimmer. Augenblicklich kräuselten sich seine Körperhaare und der Gestank von Verschmortem drang ihm in die
Nase. Die grausame Hitze verriegelte erneut seine Lippen und er starrte mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen auf seinen Arm, auf dem sich die ersten Brandblasen bildeten. Der Moment schien ewig zu dauern und die Schmerzen waren unbeschreiblich. Dann war es plötzlich wieder vorbei. Die Temperatur sank und sein vor Schmerz verkrümmter Körper richtete sich langsam wieder auf. Auch wenn die Schmerzen nun etwas erträglicher wurden, sie blieben.
Wie lange sollte das so weitergehen? Er würde den Verstand verlieren, wenn er das noch länger mitmachte. Er musste hier heraus und zwar schnell.
Mit wackeligen Beinen stand er auf und wankte in die Richtung des Mannes, der eben so wild gestikuliert hatte. Im Halbdunkeln, dieser pervertierten Sauna stolperte er über Füße und rutschte in Pfützen aus, von denen er nicht wissen wollte, woraus sie bestanden. Keiner der anderen Männer beachtete ihn. Alle waren mit ihren eigenen Schmerzen, ihrem eigenen Wahnsinn beschäftigt.
Der Raum war viel größer als er angenommen hatte, denn die Entfernung zu dem Mann schien einfach nicht kleiner werden zu wollen. So sehr er es auch versuchte, er kam ihm scheinbar nicht näher. Dafür kam die Hitze wieder.
Sie warf ihn, der als einziger im Raum stand, einfach um. Der Boden, auf den er fiel, war plötzlich so heiß wie eine Herdplatte und er spürte, wie seine Haut aufplatzte. Er wurde hier bei lebendigem Leib verbrannt und niemand half ihm. Er wollte einfach nur noch sterben, doch das geschah nicht.
Die Hitze kroch wieder dorthin zurück, wo sie hergekommen war und er setzte sich auf. Als er hochschaute, blickte er in das Gesicht eines kleinen, hageren Mannes. Auch dieses Gesicht kannte er. In seiner Erinnerung sah er dieses Gesicht, wutverzerrt vor einem Mikrofon, die Fäuste links und rechts davon geballt. Was war hier los? Wer war dieser dünne Kerl vor ihm? Verzweifelt marterte er sein Hirn, suchte Bilder, die ihm erklären würden, wie er hier hereingeraten war, was das alles sollte. Doch da waren nur winzige Bruchstücke und dieses schwarze Loch.
Auf allen vieren krabbelte er weiter auf den gestikulierenden Mann zu.
Er würde es wissen. Er würde die Antworten geben können.
Immer dann, wenn er seinen Blick hob, sah er Gesichter, die ihm bekannt vorkamen, die er jedoch nicht zuordnen, nicht fassen konnte. Da war zum Beispiel ein älterer Mann mit
einem grauweißen Vollbart. Er hatte tatsächlich einen Turban auf und ein fanatisches Glitzern in den Augen. Woher kannte er nur diesen Blick? Er krabbelte weiter und sah immer wieder in irre Augen und sabbernde, entstellte Gesichter. So würde auch er enden, wenn er es nicht schaffte, von hier zu entfliehen. Der Mann dort drüben. Er würde alles wissen. Er war die einzige Hoffnung. Der Abstand verringerte sich und endlich konnte er das Gesicht des Mannes erkennen.
Der Schreck nahm ihm den Atem, denn dieses hässliche Gesicht konnte niemals jemand vergessen. Jetzt erkannte er, warum der Mann gestikuliert hatte.
Das hatte er immer getan.
Dieser kleine, fast rechteckige Oberlippenbart und die gescheitelten, platt gekämmten Haare …
Ja, jetzt wusste er, wo er war und die Erkenntnis und das folgende Entsetzen sollten nie wieder enden. © Text Beatrix Lohmann

Frage: Wer ist die Person, die am Ende der Geschichte beschrieben wird?

 
 
Die richtige Antwort schickt ihr bitte an adventsgewinnspiel2013@gmx.de(Betreff: 19. Türchen plus heutiges Datum) Einsendeschluss ist um Mitternacht. Der oder die Gewinner/in wird morgen ermittelt und per Email benachrichtigt.